Portugal: Linke Kräfte vernetzen sich bei Generalstreik und Massenprotesten

Spätestens mit den Massenprotesten im März 2011 mit 200.000 Menschen, die zum Sturz der sozialdemokratischen Regierung beigetragen haben, hat sich in Portugal ein Zyklus der Proteste und Streiks entwickelt, der bis heute anhält. Nach den Märzprotesten haben sich Vernetzungen gebildet, um weiter gegen die Verschlechterung der Lebensumstände zu kämpfen. Ebenso gab es viele kleinere Proteste, etwa gegen Preiserhöhungen im Nahverkehr oder gegen die Stilllegung von Bahnstrecken. Allerdings ist aus diesen kleineren lokalen Initiativen nicht sofort eine Massenmobilisierung gewachsen.

Ebenso konnten die linken Oppositionsparteien (PCP und B.E.) nach den Wahlen recht lange keine starke Position entwickeln. Jenseits von „kämpferischen“ Reden und schwachen politischen Kampagnen war wenig erkennbar. Dies änderte sich im Herbst 2011. Der der KP nahestehende Gewerkschaftsverband CGTP mobilisierte am 1. Oktober zu Demonstrationen in Lissabon und Porto. Nach (eher übertriebenen) Gewerkschaftsangaben waren ca. 150.000 Menschen auf der Straße. Dies waren die ersten Massenproteste seit den Wahlen im Juni 2011. Als nächstes folgte eine Aktionswoche der CGTP Ende Oktober, in der in einigen Städten Kundgebungen und kurze Warnstreiks stattfanden. Die öffentlich sichtbaren Aktionen konzentrierten sich auf die Hauptstadt. Die CGTP setzte gemeinsam mit dem sozialdemokratischen Gewerkschaftsverband UGT für den 24. November einen Generalstreik an.

Die Gewerkschaften wollten bis ihren Aktionen den Unmut über die neoliberale „Krisenbewältigung“ der Regierung zum Ausdruck bringen. Die Regierungspolitik, vorgegeben durch die EU und der IWF, besteht darin die staatlichen Ausgaben zu senken und die Einnahmen zu erhöhen. Dafür werden einerseits Löhne, Renten und andere Leistungen wie etwa das Arbeitslosengeld gekürzt und andererseits die Steuern und die Preise für öffentliche Nahverkehr usw. erhöht. Für die portugiesischen Bevölkerung bedeutet dies eine Senkung der Einkommen bei gleichzeitiger Erhöhung der Lebenshaltungskosten.

Gleichzeitig organisierten partei- und gewerkschaftsunabhängigere Kräfte Proteste am 15. Oktober, die sich an die globalen Krisenproteste anschlossen. In zahlreichen portugiesischen Städten fanden Aktionen statt. In Porto, der zweitgrößten Stadt der Landes mit ca. 400.000 EinwohnerInnen, nahmen nach Presseangaben 20.000 Menschen an den Protesten teil. Die Zahl dürfte nach eigenen Schätzungen sogar eher höher liegen. Wie bereits bei den Märzprotesten war das öffentliche Bild nicht von Partei- und Gewerkschaftsfahnen geprägt. An diesem Tag ging es, neben den Unmut über portugiesischen Regierung, auch um einer grundsätzlichen Unzufriedenheit mit den politischen und ökonomischen Strukturen, die als nicht einsehbar und nicht steuerbar angesehen werden. Dagegen besteht der Wunsch nach Partizipation, direkte Demokratie und einer Ökonomie, die sich nach den Interessen der Bevölkerung richtet.

Die Mobilisierung zum Generalstreik wurde hauptsächlich von der CGTP getragen, während die UGT kaum sichtbar war. Ebenfalls hatten anarchistische, libertär-sozialistische und linksradikale Kräfte für den Generalstreik mobilisiert und eigene Aktionen dazu organisiert. Allerdings sind die Kräfteverhältnisse zwischen CGTP und den unabhängigen Akteuren recht eindeutig, und zwar zugunsten der CGTP.

Der Generalstreik selbst war mehr als spürbar. In vielen Städten fiel das öffentliche Nahverkehr aus, was vielfach zu einem Verkehrschaos führte, da alle Pendler versuchten mit PKWs zur Arbeit zu kommen. Behörden und Schulen blieben geschlossen, Flughäfen und Hafenanlagen konnten nicht genutzt werden. In der Hauptstadt ging die Polizei gegen Streikposten vor, die den Betrieb von Bussen und Straßenbahnen aufgehalten hatten. In größeren Städten fanden Kundgebungen und Demonstrationen statt. In Lissabon kam es vor dem Parlamentsgebäude zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Demonstranten. Ebenso in der Hauptstadt wurden Finanzbehörden mit Molotowcocktails und Farbkanister angegriffen. Die Demonstration in Porto verlief dagegen weitestgehend ohne solche Zwischenfälle. Einige tausende Gewerkschafter nahmen an einer Kundgebung der CGTP teil, während anarchistische, libertär-sozialistische und linksradikale Gruppen am Rande der Kundgebung kreative und gewaltfreie Aktionen durchführten.

In den nächsten Wochen und Monaten wird zu beobachten sein, ob die gegenwärtige Phase der Proteste und Streiks anhält. Auffällig ist, dass es zunehmend eine gegenseitige Wahrnehmung der linken Parteien und Gewerkschaften einerseits und den unabhängigen Kräften andererseits gibt. Beide Seiten verfolgen die Aktivitäten der anderen Seite, beteiligen sich an einzelnen Aktionen und kooperieren bisweilen an einzelnen Punkten. Ob dies zu tiefergehenden Lern- und Kooperationsprozessen führen wird, ist noch offen. Die weitere Zuspitzung der Krise und der neoliberalen „Krisenbewältigung“ wird wohl eine gemeinsame Antwort „von unten“, quer durch Organisationsgrenzen, stärker notwendig machen als bisher.

In: analyse&kritik (Nr. 568, 20.1.2012), S. 22

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Rezension: Rassismus in der Leistungsgesellschaft

Die Tatsache, dass ein ehemaliger Berliner Senator mit absurden Thesen über die Gene von Juden und Basken einen Sachbuch-Bestseller landen konnte und dass Rassismus in Deutschland nicht erkannt wird, wenn das Wort „Rasse“ durch „Ethnie“ oder „Kultur“ ersetzt wird, war für viele Linke ein Schock. Auch diejenigen, die davon ausgehen, dass rassistische Denkmuster in Deutschland mehrheitsfähig sind, waren von der Heftigkeit der „Sarrazin-Debatte“ überrascht. Nach einem kurzen Moment des Taumelns wurden verschiedene Gegenstimmen hörbar. Während einige versucht haben, auf die bürgerlich-demokratischen Mindestnormen zu verweisen (so etwa dass eine Diskriminierung aufgrund von Religion und Herkunft nicht hinnehmbar ist), machten sich andere daran, die vermeintlich wissenschaftliche Argumentation hinter der Rede über „türkische Inzuchtclans“ auseinanderzunehmen. Es entstand eine ganze Reihe von Artikeln, Kommentaren, Aufsätzen und Büchern aus sehr unterschiedlichen Perspektiven und von unterschiedlicher Qualität, die in ihrer Gesamtheit viele Argumente lieferten, wie absurd und falsch die Thesen von Sarrazin sind.

Diese Phase ist weitgehend abgeschlossen. Wer nach der ganzen Debatte immer noch der Meinung ist, dass es naives „Gutmenschlertum“ ist, Sarrazin nicht recht zu geben, da würden wahrscheinlich weitere Argumente auch kein Umdenken herbeiführen. Nötig wäre jetzt eine Beschäftigung mit der Sarrazin-Debatte als „diskursives Ereignis“, also die Fragen danach, auf welche Denk- und Deutungsmuster hier zurückgegriffen werden konnte und welche politischen und gesellschaftlichen Modelle in dieser Debatte forciert wurden. Einen wichtigen Beitrag hierzu leistet der Sammelband „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“.

Die 14 Beiträge gruppieren sich unter den Kapiteln „Migration und Rassismus“, „Bevölkerungs- und Biopolitik“, „Kapital und Nation“ und „Interventionen und Perspektiven“. Der inhaltliche Mehrwert und die Lesbarkeit der einzelnen Beiträge schwanken, was für einen Sammelband recht typisch ist. Sehr gut gelungen ist das einleitende Kapitel des Herausgebers, in dem auf 32 Seiten die grundlegenden Thesen und Argumente aufgeschlüsselt werden. Die Verbindungen zwischen der Sarrazin-Debatte und den neoliberalen Gesellschaftsvorstellungen, die solche Debatten forcieren, werden im lesenswerten Beitrag „Zwischen neoliberaler Standortlogik und rechtspopulistischem Sarrazynismus“ von Christoph Butterwegge aufgezeigt. Wie in anderen Beiträgen deutlich sichtbar wird, richtet sich das Buch eher an eine akademische Leserschaft – ohne Kenntnis soziologischer Termini sind einige Texte nicht verständlich. Die analytische und eher akademische Schwerpunktsetzung zeigt sich auch daran, dass das letzte Kapitel „Interventionen und Perspektiven“ am kürzesten ausfällt und praxisnahe Ideen und Vorschläge weitgehend ausbleiben.

Das Buch ist insgesamt lesenswert, wenn auch die Sprache teilweise unnötig kompliziert ist. Denn die Stärke der Publikation liegt in der wissenschaftlichen Analyse und Kritik und so ist der qualitative Unterschied zu vielen anderen Veröffentlichungen im Zuge der Sarrazin-Debatte deutlich.

Sebastian Friedrich (Hg.) (2011): Rassismus in der Leistungsgesellschaft. edition assemblage, Münster.


Eine kürzere Fassung erscheint in: analyse&kritik, Februar 2012.

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Portugal: Neoliberale Krisenbewältigung und soziale Kämpfe (Veranstaltungsrundreise im März 2012)

In Europa zeigt sich die gegenwärtige Krise des Kapitalismus am deutlichsten an der südlichen Peripherie. Die durch die Europäische Union und den IWF vorgegebene neoliberale „Krisenbewältigung“ erzeugt hier weiterhin deutlichen Widerstand. Während in der deutschen Presse die Proteste und Streiks in Griechenland und Spanien Erwähnung finden, ist Portugal vielfach höchstens eine Randnotiz wert – unberechtigterweise.

Die sozialen Kämpfe und Proteste entwickeln sich in Portugal in Wellenbewegungen. Nach den Massenprotesten im März 2011 mit 200.000 Menschen, die zum Sturz der sozialdemokratischen Regierung beigetragen haben, entstanden Netzwerke, um weiter gegen die Verschlechterung der Lebensumstände zu kämpfen. Ebenso gab es viele kleinere Proteste, etwa gegen Preiserhöhungen im Nahverkehr oder gegen die Stilllegung von Bahnstrecken. Gleichzeitig hat der Wahlsieg der Konservativen bei den vorgezogenen Parlamentswahlen im Juni 2011 die Fortführung und Verschärfung der neoliberalen Politik vorerst gesichert.

Die linken Oppositionsparteien (PCP und B.E.) konnten recht lange keine kämpferische Position dagegen entwickeln. Dies änderte sich im Herbst 2011 durch Gewerkschaft-Demonstrationen am 1. Oktober und einer
Aktionswoche Ende Oktober, in deren Rahmen in einigen Städten Kundgebungen und kurze Warnstreiks stattfanden. Gleichzeitig organisierten eher partei- und gewerkschaftsunabhängige Kräfte am 15. Oktober Proteste, die sich an die globalen Krisenproteste anschlossen. In zahlreichen portugiesischen Städten fanden Aktionen statt, an denen einige zehntausend Menschen teilnahmen. Anschließend mobilisierten die Gewerkschaften für den Generalstreik am 24. November. In vielen Städten fiel der öffentliche Nahverkehr aus, Behörden und Schulen blieben geschlossen, Flughäfen und Hafenanlagen konnten nicht genutzt werden.

Die Phase der Proteste und Streiks hält indessen an: Mitte Dezember hat eine erneute Aktionswoche der Gewerkschaften stattgefunden und ein größerer Streik im öffentlichen Fern- und Nahverkehr ist für den 2.
Februar angesetzt. Die Verschärfung des Austeritätsprogramms in den nächsten Wochen und Monaten wird dafür sorgen, dass die Proteste und Streiks anhalten werden.

Ismail Küpeli (aktiv in der BUKO) wird vom 10.-16. März 2012 über die neoliberale „Krisenbewältigung“ und die wachsenden sozialen Proteste in Portugal berichten:

Berlin, 10.3. im Rahmen des BUKO-Seminars „Neoliberale Krisenbewältigung und soziale Kämpfe an der ‚europäischen Peripherie‘“

Hannover, 12.3.,
Hamburg, 13.3.,
Erlangen, 14.3.,
München, 15.3.,
Tübingen, 16.3.,

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Zerschlagen, leugnen, unterdrücken – Die kurdischen Aufstände Anfang des 20. Jahrhunderts

Der Angriff der kurdischen PKK auf einen türkischen Militärposten im Grenzgebiet zum Irak am 19. Oktober 2011 und die anschließende Militäroffensive der türkischen Armee im Nordirak machten deutlich, dass die „Kurdenfrage“ weit davon entfernt ist, gelöst zu werden. Dabei hatten einige begrenzte Reformen der moderat-islamischen AKP-Regierung Hoffnungen aufkommen lassen, die sich jedoch schnell zerschlugen. Die fortwährende Verweigerung, die Verhandlungsangebote der PKK überhaupt zu registrieren, und die andauernde repressive Bekämpfung ziviler kurdischer Akteure lassen darauf schließen, dass eine zivile und gerechte Konfliktüberwindung von Seiten des türkischen Staates nicht beabsichtigt ist.

Die „Kurdenfrage“ stellt die Türkische Republik als Nationalstaat in Frage und dies nicht erst seit heute. Die Türkei, die nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches entstand, ist das Produkt eines „Befreiungskrieges“ (1919-1923), der mit zahlreichen Pogromen und Massenmorden an Minderheiten einherging. In zahlreichen Regionen hatten nicht-türkische Bevölkerungsgruppen die Mehrheit gestellt, bis dies durch Massaker und Umsiedlungen geändert wurde. Die türkische Staatsführung wollte aus dem „Überbleibsel“ des Osmanischen Reiches eine türkische Nation bilden und verfolgte dazu eine aggressive Türkisierungspolitik. Nach der Entstehung der Republik bedeutete diese Politik für alle Minderheiten die soziale und kulturelle Ausgrenzung, den Zwang zur Assimilierung und den ökonomischen Niedergang.

Ein zentrales Konzept der Türkisierungspolitik war die Schaffung von unterschiedlichen Staatsbürgerschaftsmodellen: Während in der türkischen Verfassung alle türkischen Staatsbürger als gleichberechtigt deklariert wurden und eine ethnische oder religiöse Differenzierung ausblieb, wurde in staatlichen Bestimmungen und Anordnungen zwischen türkischen Staatsbürgern (einschließlich der Minderheiten) und ethnisch und religiös definierten „echten“ TürkInnen unterschieden. Staatliche Anordnungen legten fest, dass in vielen Sektoren nur noch „echte“ TürkInnen arbeiten durften, was dazu führte, dass Angehörige der Minderheiten entlassen wurden.

In unterschiedlichen historischen Phasen existierten unterschiedliche „Hauptgegner“ des türkischen Staates. Nach dem Genozid an den Armeniern 1915 und der Vertreibung der „griechischen“ Bevölkerung im Zuge des türkischen „Befreiungskriegs“ stellten die KurdInnen das Haupthindernis für die türkische Homogenisierungspolitik dar.

Der Versuch des türkischen Staates, die kurdischen Regionen unter direkte Kontrolle zu bekommen, führte zu einer Reihe von Aufständen zwischen 1925 und 1938. Die fünf größeren Aufstände in diesen Jahren (der Scheich-Said-Aufstand 1925, die Ararat-Aufstände 1926, 1927 und 1930 und der Dersim-Aufstand 1937-1938) und die anschließenden Militäroffensiven und Massaker seitens des türkischen Staates übertrafen den türkischen „Befreiungskrieg“ (1919-1923) im Hinblick auf den Verlust von Menschenleben und auf finanzielle Ausgaben.

Die Aufstände wurden von sehr unterschiedlichen AkteurInnen getragen und hatten somit sehr unterschiedliche Ziele. Diese Zusammenhänge müssen noch intensiver untersucht werden, aber einige stark verkürzte Hinweise können doch gegeben werden. Der Aufstand von 1925 etwa ist die Reaktion der traditionellen kurdischen Eliten darauf, dass sie in der neuen Republik als Machtfaktor an den Rand gedrängt wurden – während sie im Osmanischen Reich eine gewisse Eigenständigkeit besessen und eine relevante militärische Rolle gespielt hatten. Die Niederschlagung dieses Aufstandes bedeutete auch, dass das alte politische System nicht mehr zurückkehren würde und in der neuen Republik kein Platz für eigenständige kurdische Lokalfürsten war. Dies führte dazu, dass der kurdische Nationalismus und die Forderung nach einem eigenen Staat während des Aufstandes 1930 in der Grenzregion Ararat deutlicher zu vernehmen waren. Die Aufständischen erklärten ihre Unabhängigkeit und riefen die „Republik Ararat“ aus, die jedoch mit der Zerschlagung des Aufstandes durch die türkische Armee ein jähes Ende fand. Der Aufstand in der Dersim-Region 1937-1938 steht wiederum im Kontext der zunehmenden Kontrolle der kurdischen Gebiete durch den türkischen Staat. In der Dersim-Region hatten sich die traditionellen sozialen Strukturen weitgehend erhalten und der türkische Staat verfügte über vergleichsweise wenig Zugriffsmöglichkeiten. Der Versuch des Staates, die bisherigen sozialen Strukturen zu zerschlagen und die dortige Bevölkerung direkt zu kontrollieren, führte zu dem Aufstand. Allerdings hatte der Aufstand wenig Aussicht darauf, die lokale Eigenständigkeit erhalten zu können, oder gar einen unabhängigen Staat gründen zu können.

Der Staat zerschlug die Aufstände durch den Einsatz massiver militärischer Gewalt, wobei es zu Massakern und Vertreibungen an der Zivilbevölkerung kam. Neben der militärischen Bekämpfung der Aufstände wurde eine Reihe von politischen Maßnahmen beschlossen, die weitere Aufstände verhindern sollten und gleichzeitig die staatliche Homogenisierungspolitik weiterentwickelte. Bereits 1925, nach dem ersten Aufstand, wurde ein „Reformplan für den Osten“ von der türkischen Regierung beschlossen, wonach für die kurdischen Gebiete der Ausnahmezustand erklärt wurde, kurdische Staatsbedienstete entlassen wurden, nicht-türkische Sprachen verboten wurden und ein Teil der kurdischen Bevölkerung vertrieben wurde, damit sich an derer Stelle türkische Siedler niederlassen sollten. Eine weitere Zuspitzung ist das „Ansiedlungsgesetz“ von 1934, das die Deportation und Umsiedlung von nicht-türkischen Bevölkerungsgruppen, hauptsächlich KurdInnen, zufolge hatte. Das Gesetz teilte die Bevölkerung der Türkei in drei Gruppen: (1) TürkInnen, die der türkischen Kultur angehörten und die türkische Sprache sprachen, (2) StaatsbürgerInnen, die zwar Türkisch sprachen aber nicht der türkischen Kultur zugehörig waren, (3) StaatsbürgerInnen, die eine nicht-türkische Sprache sprachen und nicht der türkischen Kultur angehörten. Die zweite und dritte Gruppe konnten umgesiedelt und/oder ausgebürgert werden. Neben der kurdischen Bevölkerung trafen die Umsiedlungsmaßnahmen, die auch gewaltsam umsetzt wurden, die nicht-muslimischen Minderheiten, so etwa türkische Juden und Armenier.

Nach der militärischen Niederschlagung der Aufstände und der Ausschaltung der kurdischen Organisationen haben kurdische AkteurInnen in der Türkei auf den bewaffneten Kampf weitgehend verzichtet und ihre Interessen durch zivile politische Mittel zu erreichen versucht. Allerdings waren die Antworten des türkischen Staates auf diese zivilen Ansätze das Verbot von Organisationen und die Verhaftung der AktivistInnen. Der Staat bestritt die Existenz einer kurdischen Bevölkerung in der Türkei, was dazu führte, dass türkische HistorikerInnen, SozialwissenschaftlerInnen und LinguistInnen die KurdInnen zu einem „türkischen Stamm“ erklärten und die Existenz einer eigenständigen kurdischen Sprache leugneten.

Eine intensive historische Aufarbeitung ist bis heute ausgeblieben. Die Aufstände werden in vielen deutschsprachigen Einführungen zur türkischen Geschichte höchstens kurz erwähnt. AutorInnen, die mit der kurdischen Emanzipationsbewegungen sympathisieren, beschäftigen sich teilweise etwas ausführlicher mit den Aufständen, deuten aber die Aufstände von 1925 bis 1938 als Vorläufer der kurdischen Nationalbewegung. Wie es zu den Aufständen kam und von wem sie mit welchen Zielen geführt wurden, bleibt ebenso unterbelichtet wie der Zusammenhang zur staatlichen Nationsbildungspolitik. In der Türkei selbst war bis vor einigen Jahren eine kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung kaum möglich. Auch wenn eine begrenzte Öffnung stattgefunden hat, müssen auch heute SozialwissenschaftlerInnen und HistorikerInnen in der Türkei befürchten, Opfer staatlicher Repression zu werden, wenn sie sich allzu deutlich äußern. Zuletzt wurden im Oktober 2011 eine Reihe von WissenschaftlerInnen, Intellektuellen und StudentInnen verhaftet, mit dem Vorwurf der Mitgliedschaft in der PKK-nahen KCK. Dieser Vorwurf dient hier, wie in zahlreichen anderen Fällen dazu, oppositionelle Stimmen zu unterdrücken.

Eine Lösung des gegenwärtigen Konflikts ist ohne eine Aufarbeitung der staatlichen Homogenisierungspolitik und eine Abkehr von der Vorstellung eines ethnisch homogenen türkischen Nationalstaates nicht möglich. Solange die grundlegenden Konfliktursachen bleiben, ist an einen nachhaltigen und gerechten Frieden in den kurdischen Gebieten nicht zu denken. Allerdings ist die Politik des türkischen Staates, sowohl beim Umgang mit den gegenwärtigen kurdischen AkteurInnen als auch im Bezug auf die Geschichtspolitik, einem solchen Frieden entgegengesetzt.

In: analyse & kritik (Nr. 567, 16.12.2011), S. 19.

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Rezension: Frankreich in Afrika – Eine (Neo)Kolonialmacht in der Europäischen Union zu Anfang des 21. Jahrhundert

Bernhard Schmid beschreibt das französische System der Sonderbeziehungen zu afrikanischen Staaten („Françafrique“), das eine tiefgehende Einmischung in die politischen und ökonomischen Fragen der afrikanischen Länder beinhaltet.

Als ab den 1950er Jahren afrikanische Staaten ihre Unabhängigkeit erklärten, bedeutete dies keineswegs, dass damit eine vollständige Souveränität erreicht worden war. Ehemalige Kolonialmächte wie etwa Frankreich und die neuen Weltmächte USA und Sowjetunion deklarierten jeweils Interessensphären und knüpften die neuen Staaten in vielfältige Abhängigkeitsverhältnisse ein. Diese Strukturen wirken auch nach dem Ende des Kalten Krieges und des Zusammenbruchs der Sowjetunion weiter.

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Rezension: Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland

Der Kampf gegen die Prekarisierung der Lebensverhältnisse und die Fragen danach, wie sich soziale Unzufriedenheit und Opposition organisieren lassen und inwieweit ein „gutes Leben“ hier und heute möglich ist, sind nicht erst heute zu beobachten. Es gibt eine Geschichte der Kämpfe und Organisierungsversuche, auf die sich die heutige Linke (als Bewegung) beziehen kann und sollte.

Allerdings scheint die frühe Geschichte der Arbeiterbewegung zunehmend nur noch für HistorikerInnen relevant zu sein. Gegenwärtige linke und klassenkämpferische AkteurInnen beziehen sich (wenn überhaupt) eher symbolisch auf die damaligen Kämpfe und Auseinandersetzungen. Mit dem Anspruch, hier Abhilfe zu schaffen, damit nicht „Erfahrungen der Vergangenheit in den politischen Auseinandersetzungen vergessen“ (S. 202) werden, erschien das Buch „Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland“. Es soll keine bloße Einführungslektüre für GeschichtsstudentInnen sein, sondern bereits gemachte Erfahrungen für die gegenwärtigen sozialen Kämpfe nutzbar machen.

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Heißer Herbst in Portugal

In Europa zeigt sich die gegenwärtige Krise des Kapitalismus am deutlichsten an der südlichen Peripherie. Die durch die Europäische Union und den IWF vorgegebene neoliberale „Krisenbewältigung“ erzeugt hier weiterhin deutlichen Widerstand. Während in der deutschen Presse die Proteste und Streiks in Griechenland und Spanien Erwähnung finden, ist Portugal vielfach höchstens eine Randnotiz wert – unberechtigterweise.

Nachdem im März Massenproteste den Sturz der sozialdemokratischen Regierung mitverursacht haben, schienen danach Ernüchterung und Agonie vorzuherrschen. Spätestens mit dem Wahlsieg der Konservativen und Rechtspopulisten im Juni schien die Fortführung und Verschärfung der neoliberalen „Krisenbewältigung“ gesichert (vgl. GWR 360). Zwar bildeten sich nach den Massenprotesten im März Vernetzungen, um weiter gegen die Verschlechterung der Lebensumstände zu kämpfen. Ebenso gab es viele kleinere Proteste, etwa gegen Preiserhöhungen im Nahverkehr oder gegen die Stilllegung von Bahnstrecken. Es blieb aber lange unklar, ob aus diesen kleineren lokalen Initiativen eine Massenmobilisierung wachsen könnte. Ebenso war nicht erkennbar, wie die Kommunistische Partei Portugals auf die wenig erfolgreiche Wahl – jenseits von „kämpferischen“ Reden – reagieren würde. Beide Unklarheiten sind jetzt beseitigt.

Die Kommunistische Partei hat sich offenbar für eine wirklich kämpferische Opposition entschieden. Ihre Forderungen sind (a) mehr Souveränität für Portugal und weniger Einmischung durch EU und IWF und (b) die (Wieder-)Herstellung eines linkskeynesianistischen Sozialstaats, einschließlich Vollbeschäftigung. Der der KP nahestehende Gewerkschaftsverband CGTP mobilisierte am 1. Oktober zu Demonstrationen in Lissabon und Porto, den zwei größten Städten des Landes. Nach Gewerkschaftsangaben waren ca. 150.000 Menschen auf der Straße. Auch wenn diese Zahlen überhöht sind, waren dies die ersten Massenproteste seit den Wahlen im Juni 2011. Als nächstes folgt eine Aktionswoche der CGTP Ende Oktober und für den 24. November ist ein Generalstreik (gemeinsam mit dem sozialdemokratischen Gewerkschaftsverband UGT) angesetzt.

Die eher partei- und gewerkschaftsunabhängigen Kräfte haben sich mit den Massenprotesten am 15. Oktober zurückgemeldet. In zahlreichen portugiesischen Städten fanden Aktionen im Anschluss an die globalen Krisenproteste statt. In Porto, der zweitgrößten Stadt der Landes mit ca. 400.000 EinwohnerInnen, nahmen nach Presseangaben 20.000 Menschen an den Protesten teil. Die Zahl dürfte nach eigenen Schätzungen sogar eher höher liegen. Wie bereits bei den Märzprotesten war das öffentliche Bild nicht von Partei- und Gewerkschaftsfahnen geprägt. Einige rotschwarze Anarcho-Fahnen und Transparente waren zu sehen – neben zahlreichen selbstgebastelten Schildern, die von einer unmittelbaren Betroffenheit und Empörung geprägt waren. Die selbstorganisierten Versuche der gemeinsamen Debatte und sozialen Praxis hatten offensichtlich gefruchtet und kamen bei den Massenprotesten am 15. Oktober zusammen. Auch an dieser „Front“ sind weitere Aktivitäten bereits geplant. Neben wöchentlichen kleineren Protesten sind für den 26. November, also zwei Tage nach dem Generalstreik, die nächsten Massenproteste angedacht.

In der nächsten Zeit wird ebenfalls aufmerksam zu beobachten sein, wie sich die orthodoxe Kommunistische Partei Portugals und die selbstorganisierten Netzwerke, die vielfach antiautoritär und anarchistisch geprägt sind, zueinander verhalten werden. Während in der Vergangenheit die Kommunistische Partei zumindest quantitativ stärker war, lässt sich dies bei den gegenwärtigen Protesten nicht beobachten. Ein Funktionär der KP, der sich bei den Massenprotesten am 15. Oktober in Porto am offenen Mikrofon meldete, betonte die Wichtigkeit sozialer Bewegungen, unterstützte die politischen Forderungen der globalen Krisenproteste und verzichtete auf die sonst üblichen Loblieder auf die eigene Partei – ganz ungewohnte Töne also. Sei es taktisches Kalkül oder wirklicher Lernprozess – es ist einiges in Bewegung.

In: Graswurzelrevolution (Nr. 363, November 2011)

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Feindschaft gegen Muslime: Rassismus in Zeiten der Krise

Die „Sarrazin-Debatte“ im letzten Jahr hat neben vielen Unsäglichkeiten auch eine klärende Funktion gehabt: Bis dahin wurde (selbst innerhalb der Linken) darüber gestritten, ob es in Deutschland überhaupt eine spezifische Feindschaft gegenüber Muslimen gibt und wenn ja, ob diese Feindschaft von einem relevanten Anteil der deutschen Mehrheitsgesellschaft geteilt wird. Inzwischen ist dieser Streitpunkt, zumindest im linken Spektrum, weitgehend geklärt.(1)
Wenn es also im Folgenden um die Formen und die Verbreitung dieser Feindschaft gehen wird, dann, um eine angemessene Grundlage für die politische Analyse und mögliche Gegenstrategien zu liefern – und nicht, gegen diejenigen anzureden, die immer noch die Existenz dieser Feindschaft leugnen.

Einprägsame Islam- und Orientbilder

Auch wenn die Debatte um „Islamophobie“ erst seit einigen Jahren zu beobachten ist, sind Ressentiments gegen Muslime und den Islam keineswegs ein neues Phänomen. Die gegenwärtigen Vorurteile und Klischees über Muslime und den Islam sind nicht geschichtslos. Sie lassen sich zurückverfolgen auf koloniale Diskurse, die sich unter dem Stichwort „Orientalismus“ zusammenfassen lassen.(2) Diese Diskurse wurden durch postkoloniale Autoren analysiert und kritisiert, nicht zuletzt durch Edward Said. Bei Orientalismus handelt es sich um die Konstruktion von Orient-Bildern als Negativfolie, von denen sich der Westen positiv absetzen kann. Der Orientalismus arbeitet mit Zuschreibungen wie etwa „westlich“ gleich „aufgeklärt“ versus „orientalisch“ gleich „rückständig“. Dabei wurde „der“ Islam zu einer rückständigen Kultur deklariert und politische und ökonomische Prozesse wurden kulturalistisch umgedeutet. So wurde etwa die koloniale Eroberung muslimischer Regionen durch europäische Mächte dadurch erklärt, dass der Islam eine erfolgreiche Modernisierung der muslimischen Länder verhindert habe und diese Unterentwicklung wiederum zu der Niederlage gegenüber den Kolonialmächten geführt habe. Aus dieser Perspektive wird erwartet, dass Muslime nur dann in einer modernen Gesellschaft leben können, wenn sie möglichst umfassend „ihre“ Kultur ablegen und sich der westlichen Kultur anschließen.
Diese Zuschreibungen sind Setzungen, die erstens eine kulturalistische Grenze zwischen dem Westen und der islamischen Welt aufziehen, zweitens sowohl politische und ökonomische Prozesse in der islamischen Welt als auch individuelle Handlungen der Muslime nur über die Religion erklären und drittens eine Überwindung der vermeintlichen Unterlegenheit der Muslime nur durch den Anschluss an die westliche Kultur für möglich halten. Sie schaffen ein Reservoir, aus dem die gegenwärtige Feindschaft gegenüber Muslimen schöpfen kann.

Weit verbreitete Ressentiments

Zahlreiche empirische Untersuchungen (etwa des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld) haben in den letzten Jahren wiederholt bestätigt, dass antimuslimische Ressentiments von breiten Bevölkerungsschichten in Deutschland und Europa geteilt werden. Beispielhaft hierfür ist, dass die Aussage „Es gibt zu viele Muslime in Deutschland“ Zustimmung bei 46 Prozent der Befragten erhielt. Ebenso hält eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung den Islam für eine intolerante Religion und wirft Muslimen pauschal Frauenunterdrückung vor. Auffällig ist, dass gleichzeitig „dieselben Befragten – in ihrer großen Mehrheit einer der christlichen Konfessionen angehörig – […] jedoch selbst rassistischen, antisemitischen, sexistischen und homophoben Aussagen überzufällig häufig“ zustimmen, „die Ansicht, Frauen sollten ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ernster nehmen“ vertreten und Homosexualität für unmoralisch halten (Zick/Küpper 2009: 3). Dies deutet darauf hin, dass der Rückgriff auf Frauenrechte oder Rechte von Schwulen und Leben seitens der „Islamkritiker“ vielfach nicht auf antisexistische Motive zurückgeht, sondern dazu dient, ihre Feindschaft gegenüber Muslimen hinter einer vermeintlich liberalen Fassade zu verstecken.

Rassismus gegen Muslime

Die gegenwärtige Feindschaft gegenüber Muslimen basiert auf der Vorstellung dass der Islam grundsätzlich anders sei. „Der“ Islam sei gewalttätig und bedrohlich und gleichzeitig minderwertig und primitiv. Veränderungsprozesse werden dabei ausgeschlossen, und die Pluralität des „real existierenden“ Islams wird negiert. In einer frappierenden Übereinstimmung mit Islamisten gehen die deutschen „IslamkritikerInnen“ davon aus, dass der „wahre“ Islam gleichbedeutend mit einer reaktionären Interpretation des islamischen Rechts ist. Dass das islamische Recht etwas anderes als die Religion ist, der Islam in Südostasien etwas anderes als der wahhabitische Staat in Saudi-Arabien ist, dass selbst im Rahmen des islamischen Rechts sehr unterschiedliche Wertvorstellungen denkbar sind – dies alles und noch viele, viele andere Aspekte werden negiert, um eine eindeutige und essentialistische Definition des Islam zu schaffen.
Diese Feindschaft gegenüber Muslimen kann dann als Rassismus bezeichnet werden, wenn man von „Rassismus ohne Rassen“ (in Anschluss an Balibar/ Hall) ausgeht. Hier sind zwei Kriterien zentral: Erstens die Kategorisierung von Menschen aufgrund kultureller Eigenschaften, die als fest und relativ unveränderlich definiert werden. Dabei ist es recht unerheblich, dass statt „Rasse“ von „Kultur“ gesprochen wird, wenn „Kultur“ als etwas Essentielles und Unveränderliches verstanden wird. Zweitens die Ausgrenzung von Menschen aufgrund dieser Kategorisierung. Diese beiden Aspekte finden sich bei der Feindschaft gegen Muslime in Deutschland wieder und sind in der Sarrazin-Debatte nochmals deutlich geworden – und ebenso die Geschwindigkeit, in der kulturalistischer in biologistischen Rassismus übergehen kann. Insofern lässt sich durchaus von einem antimuslimischen Rassismus in Deutschland sprechen.
Der antimuslimische Rassismus hat für Muslime auf kollektiven und individuellen Ebenen konkrete Auswirkungen.(3) Zum einen werden muslimische Organisationen strukturell benachteiligt. Die Ungleichbehandlung äußert sich in vielen Bereichen, von der verweigerten staatlichen Anerkennung als Religionsgemeinschaft(en) bis hin zur stark eingeschränkten Möglichkeiten, an deutschen Schulen islamischen Religionsunterricht zu erteilen. Ebenso findet der sogenannte „Dialog“ im Rahmen der Deutschen Islamkonferenz unter Bedingungen struktureller Ungleichheit statt: Die personelle und inhaltliche Zusammensetzung der Konferenz wird vom Innenministerium festgelegt, während die muslimischen Dachverbände die Wahl haben sich zu fügen oder die Veranstaltung zu boykottieren – mit der Gefahr, weiter ausgrenzt zu werden. Zum anderen führt die zunehmende antimuslimische Stimmung dazu, dass Muslime in ihrem Alltag vielfachen Benachteiligungen ausgesetzt sind. Diese reichen von verschlechterten Jobchancen, da Bewerbungen abgelehnt werden aufgrund des „falschen“ Namens oder der „falschen“ Kopfbedeckung, über Mobbing am Arbeitsplatz bis hin zu „personenunabhängigen“ Polizeikontrollen an Bahnhöfen, die sich vielfach auf „muslimisch“ aussehende Menschen konzentrieren. Auch die Migration von Muslimen nach Deutschland wird durch staatliche Einbürgerungstests (so z.B. in Baden-Württemberg) erschwert, die sich explizit gegen MigrantInnen aus mehrheitlich muslimischen Ländern richten. Die im baden-württembergischen Einbürgerungstest gestellten Fragen reproduzieren antimuslimische Ressentiments und gehen davon aus, dass Muslime potenziell antidemokratisch, patriarchal, gewalttätig, sexistisch und homophob sind.(4)

Emanzipatorische Kritik an Islamismus?

Die Analyse und Kritik des antimuslimischen Rassismus aus einer emanzipatorischen Perspektive (die die Überwindung von Herrschaft und Ausbeutung zum Ziel hat) fordert aber ebenfalls ein, sich damit auseinanderzusetzen, welche konkreten Lehren und Praxen im „real existierenden“ Islam ebenfalls Herrschaft und Ausbeutung stützen und damit kritikwürdig sind. Ebenso muss sich eine emanzipatorische Linke mit dem Islamismus als einer reaktionären politischen Bewegung auseinandersetzen.
Hier folgt eine grobe Skizzierung einiger Gemeinsamkeiten islamistischer Bewegungen. Islamisten fordern, dass der Islam als umfassendes Regelwerk für alle Lebensbereiche, einschließlich der Politik und der Gesellschaft, gelten soll. Sie verstehen unter „Islam“ weniger die politische und religiöse Wirklichkeit der Muslime, die sehr vielfältig ist, sondern vielmehr einen begrenzten Textkorpus, nämlich den Koran und die Hadithe (Prophetensprüche und Geschichten), und eine idealisierte Vorstellung der frühislamischen Phase. Die aus diesem Korpus abgeleiteten Rechtsvorschriften sollen alle Lebensbereiche regeln. Das islamistische Ideal ist eine organische Gesellschaft mit festen Rollen für die Geschlechter.
Hieraus erwachsen Probleme und Bedrohungen für zahlreiche Gruppen wie z.B. Atheisten, andere „Ungläubige“ und Muslime mit abweichenden Vorstellungen – etwa wenn sie die Geltung des islamischen Rechts für alle Lebensbereiche nicht akzeptieren. Ebenso ist im islamistischen Weltbild kein Platz für Menschen, die ihre Sexualität außerhalb einer heterosexuellen Ehe ausleben wollen. Frauen hätten in einer solchen Gesellschaft noch weniger Rechte und sie wären weitgehend aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Es sollte betont werden, dass in einem islamistischen Staat jeglicher Protest gegen konkrete staatliche Politiken und Gesetze als Angriff gegen den Islam gelten würde, mit entsprechen Folgen für politische und soziale Oppositionsbewegungen. Dies alles ist aus einer emanzipatorischen Perspektive nicht hinnehmbar.
Dieses mögliche Bedrohungsszenario muss jedoch insofern relativiert werden, als dass Islamisten in vielen Ländern politisch weitgehend gescheitert sind und es nur wenige Staaten (etwa den Sudan der 1980er Jahre) gab, in denen Islamisten die Politik bestimmt haben. Auch für Deutschland ist die Gefahr nicht die Einführung der Scharia, sondern vielmehr die Durchsetzung einer konservativen Islamvorstellung unter den in Deutschland lebenden Muslimen, womit der soziale Druck innerhalb einiger Migrantencommunities z.B. auf Atheisten, Frauen und Homosexuelle einhergeht. Des Weiteren werden soziale Konflikte kulturalistisch und ethnisch umgedeutet und so gemeinsame soziale Bewegungen durch kulturell und ethnisch gesetzte Grenzen erschwert. Dies führt zu einer Unterminierung emanzipatorischer Ansätze.
Eine emanzipatorische Kritik an konkreten islamischen Praxen und am Islamismus steht allerdings vor der Schwierigkeit, dass auch sie dafür verwendet werden kann, antimuslimische Feindbilder zu konstruieren und den Rassismus in Deutschland zu legitimieren.

Sackgassen, Fallstricke und Gegenstrategien

Angesichts dessen, dass die Feindschaft gegenüber Muslimen eher zu- als abnehmen wird und dass sie als eine Ideologie zur Legitimation von Rassismus und sozialer Ausgrenzung zunehmend relevanter wird, ist die Entwicklung einer emanzipatorischen Perspektive so notwendig wie schwierig. So gibt es bisher nur wenige Ansätze einer emanzipatorischen Position, die gegen den antimuslimischen Rassismus agiert und gleichzeitig eine überzeugende Kritik des Islamismus als eine reaktionäre politische Bewegung liefert. Hier können lediglich einige Sackgassen und Fallen skizziert werden, die sich vermeiden lassen.
Zentral ist die Erkenntnis, dass die gegenwärtige „Islamkritik“ kaum Anknüpfungspunkte an eine emanzipatorische Position bietet. Dies trifft auch für linke „IslamkritikerInnen“ zu, die sich vielfach zum Stichwortgeber des antimuslimischen Rassismus machen, indem sie die politische und soziale Tragweite und Konsequenzen ihrer Aussagen wenig beachten.
In Deutschland überlappt die „Islamdebatte“ mit dem sozial ungleichen Verhältnis zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und der muslimischen Minderheit. In einer solchen Konstellation ist eine emanzipatorische „Islamkritik“ ohne ein Eintreten für die Überwindung von sozialer Ungleichheit (oder zumindest für die rechtliche Gleichstellung) nicht denkbar. Die „Islamdebatte“ findet so keineswegs im luftleeren Raum statt, sondern im Rahmen einer breiten Auseinandersetzung darüber, welche Religionsgemeinschaften wieviel Zugang zu staatlichen Ressourcen und gesellschaftlicher Anerkennung erhalten sollen. In dieser ungleichen Auseinandersetzung können die christlichen Kirchen auf staatliche Unterstützung, eine breite Institutionalisierung und eine christlich geprägte Gesellschaft zurückgreifen. Dagegen erfahren nicht-christliche Religionsgemeinschaften eine skeptische bis feindliche Stimmung.
In dieser Debatte müssen emanzipatorische Kräfte sich bewusst machen, dass ihre Argumente sehr leicht dafür instrumentalisiert werden können, Religionsgemeinschaften aus den Minderheiten Rechte vorzuenthalten. Aber hier fallen viele „IslamkritikerInnen“ selbst hinter die Mindestnormen des bürgerlichen Liberalismus zurück: Wenn Religionsgemeinschaften bestimmte Rechte haben, dann müssen die Rechte allen Gruppen zustehen, und nicht nur den Religionsgemeinschaften der Mehrheitsgesellschaft. Oder man tritt für eine Reduzierung der Religion auf eine reine Privatsache ein. Das ist aus einer säkularen Perspektive sicherlich sinnvoll – dann aber bitte konsequent und gleichberechtigt für alle.
Emanzipatorische Ansätze sind nicht nur aufgrund dieser Grundprobleme mit der gegenwärtigen „Islamkritik“, sondern auch aufgrund der konkreten Handlungen der „IslamkritikerInnen“, nicht vereinbar. Wenn diese den Islam mit Faschismus gleichsetzen (Ahadi) oder den Muslimen in Europa eine „geheime Agenda“ zur Durchsetzung der Scharia unterstellen (Kelek, Hirsi Ali), dann gibt es keine Basis für eine gemeinsame emanzipatorische Praxis mit solchen „KritikerInnen“. Eine solche „Kritik“ dient nur dazu, die weitere Ausgrenzung der Muslime zu legitimieren. Und spätestens wenn „IslamkritikerInnen“ mit rechten Akteuren kooperieren, wie etwa mit Geert Wilders (Hirsi Ali), Udo Ulfkotte (Ahadi) und Thilo Sarrazin (Kelek), dann gibt es allen Anlass, sich von dieser „Islamkritik“ deutlich abzusetzen.
Aus diesen Überlegungen lassen sich folgende Grundsätze ableiten, die eine emanzipatorische Intervention überhaupt erst möglich machen. Erstens muss die gegenwärtige „Islamdebatte“ als ein antiemanzipatorischer Diskurs angesehen werden, unabhängig davon, ob man hier von Rassismus oder Ressentiments sprechen möchte. Zweitens soll die Marginalisierung und Ausgrenzung der muslimischen Minderheit durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft im Zentrum der Analyse stehen, ohne dabei die Unterdrückungsverhältnisse innerhalb muslimischer Communities zu negieren. Drittens ist eine emanzipatorische Kritik an diesen Unterdrückungsverhältnissen nur möglich, wenn sie kulturalistische Deutungen vermeidet und sich auf konkrete Lehren und Praxen bezieht. Viertens ist Emanzipation nur denkbar durch gemeinsame soziale Bewegungen quer durch die kulturell und ethnisch gesetzten Grenzen.

Fußnoten:
(1) Zwar ist Gegenteiliges immer noch zu vernehmen, wie beispielsweise von Gerhard Scheit („Es gibt keine Islamophobie“, Jungle World Nr. 32, 11.8.2011). Allerdings dürften solche Leugnungsversuche inzwischen keine große Überzeugungskraft mehr haben.
(2) Zweifelslos existieren auch frühere Quellen für die gegenwärtige Feindschaft gegenüber Muslimen, wie etwa die christliche Kreuzzugspropaganda im Mittelalter, siehe Almut Höfert: Das Gesetz des Teufels und Europas Spiegel, in. Iman Attia (Hg.) (2007): Orient- und IslamBilder, S. 85-110. An dieser Stelle soll aber lediglich mit Orientalismus eine historisch näherliegende und ausführlicher debattierte Quelle angesprochen werden.
(3) Die konkreten Auswirkungen der antimuslimischen Ressentiments auf das Leben von Muslimen in Deutschland sollen hier nur kurz erwähnt werden. Ausführlicher dazu: Mario Peucker: Islamfeindlichkeit – die empirischen Grundlagen. In: Thorsten Schneiders (Hg.) (2009): Islamfeindlichkeit, S. 155-165.
(4) Ausführlicher dazu: Achim Bühl (2010): Islamfeindlichkeit in Deutschland, S. 256-261.

Weiterführende Literatur:
Iman Attia (Hg.) (2007): Orient- und IslamBilder – Interdisziplinäre Beiträge zu Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Unrast Verlag, Münster.
Achim Bühl (2010): Islamfeindlichkeit in Deutschland – Urprünge, Akteure, Steoreotype. VSA Verlag, Hamburg.
Thorsten Gerald Schneiders (Hg.) (2009): Islamfeindlichkeit: Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. VS Verlag, Wiesbaden.

In: Fluchtlinien – Rassismus, Flucht, Migration. Jena, 2011, S. 13-15.

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Die Welle brechen – Kleiner Überblick zur aktuellen Aufstandsbekämpfung in der arabischen Welt

Blackwater-Gründer Erik Prince baue eine Söldnerarmee für die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) auf, meldete Mitte Mai die New York Times und sorgte damit auch in Deutschland für ein kurzes Rauschen im Blätterwald. Die Aufregung ist verständlich angesichts der blutigen Geschichte des Militärunternehmens Blackwater (u.a. Massaker an unbewaffneten ZivilistInnen im Irak) und der Nähe von Prince zur christlichen Rechten in den USA. Bisher ist folgendes bekannt: Die rund 800 Söldner werden derzeit in Abu Dhabi für die Niederschlagung von Unruhen und Aufständen, insbes. seitens der zahlreichen „Gastarbeiter“ aus Pakistan und Südostasien, trainiert. Die Machthaber in den Emiraten sehen in den MigrantInnen, die schlecht bezahlt und ohne bürgerliche Rechte sind, eine große Gefahrenquelle. Es wird spekuliert, ob die Aufstellung dieser Truppe auch im Zusammenhang mit Konflikten zwischen den Emiraten und dem Iran stehe.

Allerdings ist es nötig, die Entwicklungen in den VAE ein wenig zu relativieren. So sind diese Söldner bisher nicht zum Einsatz gekommen, und bereits heute besteht die staatliche Armee in den Emiraten z.T. aus ausländischen Soldaten, nicht zuletzt aus Pakistan. Die Offiziere werden in Großbritannien und den USA ausgebildet. Es handelt es sich also weniger um ein völlig neues Phänomen, sondern vielmehr um eine Ausweitung der bisherigen Praxis in den VAE.

Ebenso ist nicht zu erwarten, dass andere arabische Staaten ab jetzt verstärkt auf westliche Söldnerarmeen setzen werden – nicht zuletzt weil etwa der Einsatz von US-Söldnern gegen die eigene Bevölkerung dem jeweiligen arabischen Regime jegliche Legitimation rauben würde. Bisher setzen die Regimes im Nahen Osten und Nordafrika bei der Aufstandsbekämpfung und Niederschlagung von Unruhen mehrheitlich auf „einheimische“ Repressionsorgane.

Je nach Stärke und Ausprägung der Opposition werden unterschiedliche Apparate eingesetzt. Zunächst sind es die bekannten Akteure und Maßnahmen: Geheimdienste und Polizei halten Ausschau nach Oppositionsgruppen, die dann observiert und möglichst früh zerschlagen werden sollen. Wenn diese Maßnahmen nicht greifen und eine (bewaffnete) Opposition sich etablieren kann, werden staatliche Armeeverbände und paramilitärische Konterguerilla-Truppen eingesetzt, wie es schon im Algerischen Bürgerkrieg in den 1990er Jahren geschah. Dabei werden nicht selten von staatlichen Akteuren Verbrechen an der Zivilbevölkerung verübt, die dann der Opposition untergeschoben werden. Auch offene Aufstände in Städten werden mit militärischen Mitteln niedergeschlagen: So wurde 1982 die syrische Stadt Hama nach einer Rebellion der islamistischen Muslimbruderschaft von den Spezialkräften der syrischen Armee eingekesselt und zurückerobert. Bei den Kämpfen wurden 20.000 bis 30.000 Menschen getötet. Auch bei der gegenwärtigen Niederschlagung der Unruhen in Syrien werden wieder Spezialkräfte eingesetzt.

Solche Spezialkräfte bilden den loyalsten Teil der staatlichen Repressionsorgane. Sie dienen, neben der Bekämpfung der Opposition, auch dazu, das Regime gegen Putschversuche aus der Armee selbst zu schützen. Beispielhaft dafür sind die Republikanischen Garden in Syrien und Ägypten, die als einzige größere Militäreinheiten in den jeweiligen Hauptstädten positioniert sind.

Auch bei den gegenwärtigen Revolten in der arabischen Welt greifen die Regime auf „einheimische“ Repressionsorgane zurück. Aufstandsbekämpfung durch ausländische Truppen, seien es Söldner oder reguläre Soldaten, ist in relevantem Umfang nur in zwei Fällen zu beobachten: So wird seitens der Rebellen und einiger politische Beobachter dem libyschen Regime vorgeworfen, Söldner aus anderen afrikanischen Staaten einzusetzen, um die Proteste niederzuschießen. Besser dokumentiert ist der zweite Fall: Nach Massenprotesten rief die Regierung in Bahrain Mitte März den Ausnahmezustand aus und bat Saudi Arabien und die VAE um militärische Unterstützung. Die beiden Golfstaaten schickten 2.000 Soldaten und Polizisten, wobei jedoch unklar ist, ob diese sich an der Niederschlagung der Proteste beteiligten oder lediglich zum Schutz der Erdölanlagen eingesetzt wurden.

Bisher sind staatliche Akteure führend im blutigen Geschäft der Aufstandsbekämpfung. Dies wird wohl, jenseits spektakulärer Fälle, auch in den nächsten Jahren so bleiben. Für die Revoltierenden dürfte es ohnehin wenig ausmachen, ob ein „einheimischer“ Soldat oder ein ausländischer Söldner den Knüppel schwingt oder den Abzug betätigt.

Erschienen in: Direkte Aktion (Nr. 206, Juli/August 2011)

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Buchrezension: PKK – Perspektiven des kurdischen Freiheitskampfes: Zwischen Selbstbestimmung, EU und Islam

Die gegenwärtigen Debatten um die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union haben zu einem wachsenden Interesse an der türkischen Innenpolitik geführt. In der Auseinandersetzung zwischen BefürworterInnen und GegnerInnen des EU-Beitrittes der Türkei spielt der Umgang des türkischen Staates mit ethnischen und religiösen Minderheiten eine zentrale Rolle. Der zentrale Konflikt dabei ist die „Kurdenfrage“, durch die die Türkische Republik seit ihrer Gründung geprägt ist

[Weiterlesen: www.kritisch-lesen.de/2011/09/ferner-krieg-in-den-bergen-anatoliens/]

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