Archiv für Februar 2008

Europas „Neue Kriege“ – Legitimierung von Staat und Krieg

Wir erleben immer wieder, wie Kriege als legitim, ja sogar als notwendig dargestellt werden. Die Gründe sind vielfältig – und nicht immer einfach zu durchschauen.

Neben der Legitimierung von einzelnen konkreten Kriegen muss als Teil der geistigen Mobilmachung auch der Krieg als solcher denkbar gemacht werden. Es muss gesagt und geschrieben werden wofür ein Krieg prinzipiell nötig ist.

Diese Denkbarmachung des Krieges läuft – vielfach unbeachtet von Kriegsgegnern – in wissenschaftlichen Diskursen der Universitäten und Think-Tanks. Politikwissenschaftler entwerfen Thesen, Theorien und Prognosen. Sie liefern Gefahreneinschätzungen für die Politiker, die darauf aufbauend Entscheidungen treffen.

Die beiden vorliegenden Texte „Intellektuelle Brandstifter: ‚Neue Kriege’ als Wegbereiter des Euro-Imperialismus“ und „Die neuen Kriege – einige Anmerkungen zu Kriegslegitimationen des 21. Jahrhunderts“ versuchen eine Kritik der wissenschaftlichen Denkbarmachung des Krieges zu formulieren. Daran anschließend folgen einige grundsätzliche Anmerkungen zu „Krieg und Militarismus“.

Ismail Küpeli / Jürgen Wagner / Rudolf Mühland: Europas „Neue Kriege“. Legitimierung von Staat und Krieg.2007, ISBN 978-3-9810846-4-1. Erhältlich u.a. bei Syndikat A

Die Publikation ist jetzt als PDF freigegeben. Weitere Verbreitung ist sehr willkommen.

Ibn Khaldun und das politische System Syriens – Eine Gegenüberstellung

1. Einleitung

Die politikwissenschaftliche Debatte über die Staaten des Nahen und Mittleren Ostens ist geprägt von Beschreibungen der Entwicklungshemmnisse und Forderungen nach „Good Governance“. „Good Governance“ bedeutet, dass staatliche Politik nach dem Leitbild des demokratischen Rechtsstaats organisiert werden muss: Gleiches Recht, Partizipationsmöglichkeit und Schaffung von Wohlfahrt für alle Bevölkerungsgruppen, unabhängig von Geschlecht oder sozialen, ethnischen und religiösen Kategorien. Das offensichtliche Fehlen von „Good Governance“ wird (parallel zu früheren Debatten zwischen Anhängern der Modernisierungs- und der Dependenztheorien) mit internen oder externen Faktoren erklärt. So sind es in der modernisierungstheoretischen Vorstellung die korrupten staatlichen Eliten, die eine Demokratisierung verhindern, um sich weiter zu bereichern. Dies wird von einigen Autoren in Bezug auf Max Weber als (Neo-)Patrimonialismus bezeichnet. Die Strategien zur Aufrechterhaltung des Patrimonialismus (und damit zur Verhinderung von Demokratisierung) werden hier unter Klientelismus zusammengefasst. Klientelismus bezeichnet die Gewährung des Zugangs zu staatlichen Ressourcen gegen politische Unterstützung, bzw. Loyalität. Die dependenztheoretische Perspektive stellt dagegen die Möglichkeiten der politischen Systeme im Nahen und Mittleren Osten zur Demokratisierung im Rahmen des ungleichen Tausches in der kapitalistischen Weltökonomie und der politischen Beeinflussung (bis hin zum Regimewechsel) durch externe Mächte in Frage. Für die Region des Nahen und Mittleren Ostens wird die USA als die zentrale externe Macht bezeichnet.

Es ist – innerhalb der Dependenztheorie – schwierig zu erklären, warum, bei gleichen Bedingungen der Weltökonomie und dem Druck von externen Mächten, die politischen Systeme des Nahen und Mittleren Ostens Differenzen aufweisen. Dagegen bietet die Patrimonialismus-Theorie zwar Erklärungsansätze für die internen Prozesse der politischen Systeme. Aber Webers eurozentristischer Ausgangspunkt bei der Formulierung der Theorie und der normativen Bewertung des Patrimonialismus als Defekt, bzw. als Hindernis für eine richtige Entwicklung und Staatlichkeit, weist Schwachstellen auf. Es kann so nicht erklärt werden, warum die Regime sich weiterhin an der Macht halten können, M.a.W. warum „die Regime in der Dauerkrise stabil sind“.

Insofern soll hier untersucht werden, ob die Konzepte über Staat und Herrschaft von Ibn Khaldun ähnliche Erscheinungen erklären können, die unter Patrimonialismus und Klientelismus zusammengefasst werden, mit dem Unterschied, dass sie nicht als Defekt, sondern vielmehr als die Funktionsweise von Staatlichkeit angesehen werden.

Dazu sollen einige Konzepte Ibn Khalduns selektiv dargestellt und erläutert werden. Selektiv bedeutet hier, dass auf eine umfassende Darstellung der gesamten Theorie und eine genaue Einordnung der hier dargestellten Konzepte in die Gesamttheorie verzichtet wird, nicht zuletzt aufgrund des Textumfangs, der dazu nötig wäre.

Danach soll in einem Exkurs der Versuch von Ghassan Salamé dargestellt werden, der mit Bezug auf Ibn Khaldun die Etablierung und Entwicklung der saudischen Herrschaft erklären will.

Anknüpfend daran soll ein Versuch unternommen werden, ausgewählte Vorgänge und Entwicklungen in der syrischen Politik Ibn Khalduns Konzepten gegenüberzustellen. Dies soll dazu dienen, die Erklärungsfähigkeit der Konzepte zu überprüfen, m.a.W. zu sehen, ob der Bezug Ibn Khalduns hilfreich sein kann beim Verständnis Syriens, das hier stellvertretend für die modernen politischen Systeme des Nahen und Mittleren Ostens angesehen wird.

[…]

4. Kein Fazit – Einige letzte Worte

Die Gegenüberstellung von Ibn Khalduns Konzepten und Begriffen mit Beispielen aus der neueren syrischen Geschichte hat deutlich gemacht, dass die Fokussierung auf Fragen der Herrschaftsetablierung und -erhaltung (im Konzept der Phasen der Herrschaft) und die Annahme von der Dominanz der (Macht-)Politik über die Ökonomie eine andere Sichtweise auf das Handeln der politischen Elite möglich macht. So wird eine Rationalität der politischen Elite sichtbar, die sonst in der westlichen Debatte über die Politik der Herrschenden im Nahen und Mittleren Osten oft nicht erkannt wird. Die Stärke eines ibn-khaldunschen Ansatzes ist, dass hier die Beziehungen der politischen Führung zu den Sub-Zentren und schließlich zu der Bevölkerung innerhalb des nationalen politischen Systems die zentrale Rolle spielen und externe Einflüsse jeglicher Art nur in Bezug auf diese Beziehungen relevant sind. Demnach wäre beispielsweise zu fragen: Wenn die saudi-arabischen Zuschüsse für Syrien abnehmen, verliert die politische Führung an Möglichkeiten, die Sub-Zentren zu integrieren?

Entgegen der vorherrschenden Meinung in der Debatte um Entwicklung und „Good Governance“ im Nahen und Mittleren Osten werden hier nicht eventuelle „Abweichungen“ (etwa „korrupte Eliten“) vom Ideal als Begründung für den Zustand der Staaten in dieser Region genannt. Es ist vielmehr das politische System selbst, das diesen Zustand aufgrund seiner inneren Logik von Herrschaftsetablierung produziert.

In Bezug auf etwaige externe Demokratisierungsbemühungen müsste also – im Gegensatz zu den „Good Governance“-Ansätzen – die interne Dynamik der jeweiligen politischen Systeme eine viel stärkere Rolle spielen.

Ismail Küpeli: Ibn Khaldun und das politische System Syriens – Eine Gegenüberstellung. München, 2007, ISBN 3-638-75458-8.

Einleitung, Inhaltsverzeichnis und einige Seiten aus dem Text lassen sich bei grin.com einsehen:

http://www.grin.com/e-book/70021/ibn-khaldun-und-das-politische-system-syriens-eine-gegenueberstellung

Was ging schief beim „Untergang des Morgenlandes“? Eine exemplarische Sichtung der Geschichtsdarstellung von Bernard Lewis

1. Einleitung

Die Anschläge vom 11. September 2001 haben die Aufmerksamkeit einer breiteren westlichen Öffentlichkeit auf den Nahen und Mittleren Osten, den Islam und die Muslime gelenkt. In diesem Zusammenhang erschienen zahlreiche Publikationen, die sehr unterschiedliche Erklärungsmuster und Lösungsansätze vorgaben. Ein Teil der Autoren machten die globale Dominanz der USA und die wirtschaftliche Vormachtstellung des Westens als Konfliktursache aus, und begriff die Anschläge als eine Reaktion auf diese Machtverhältnisse. Um zu verhindern, dass solche Anschläge sich wiederholten, sei es auch nötig, die ungerechte Behandlung und Ausbeutung der Dritten Welt zu beenden und nicht-westliche Kulturen mehr zu respektieren.

Dagegen argumentierten andere Autoren, dass die islamistischen Organisationen keinesfalls als antikoloniale, bzw. antiimperialistische Kräfte in einem politisch und ökonomischen Sinne verstanden werden könnten. Vielmehr seien die Entstehung und Stärkung der Islamisten ein Resultat der undemokratischen Verhältnissen in den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens. Demokratische Kräfte würden staatlich unterdrückt, und dies würde dazu führen, dass als politische Akteure nur noch undemokratische Staaten und islamistische Oppositionsbewegungen übrig blieben. Als Lösung wird dann eine umfassende und tiefgehende Demokratisierung des Nahen und Mittleren Osten vorgeschlagen.

Einer der bekanntesten Vertreter dieser These ist Bernard Lewis. Die Bedeutung von Bernard Lewis basiert zum einen auf seiner selten infrage gestellten wissenschaftlichen Autorität und zum anderen darauf, dass politische Entscheidungsträger in den USA auf seine Geschichtsdeutungen, Begriffe und Konzepte zurückgreifen, wenn es um Analysen der politischen Vorgänge im Nahen und Mittleren Osten geht. Auch das vielzitierte Konzept vom „Kampf der Kulturen“ („Clash of Civilizations“) im Zusammenhang mit dem Westen und dem Islam geht auf Lewis zurück.

Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf das Buch „Der Untergang des Morgenlandes“ (Originaltitel “What went wrong?”) von Bernard Lewis, das 2002 erschienen ist. Die Publikation als Untersuchungsobjekt bietet sich auch deswegen an, weil Lewis in einer Vorbemerkung explizit Bezug auf die Anschläge vom 11. September 2001 nimmt, und sich nach Auskunft des Autors mit “größeren Zusammenhängen, Ideen und Einstellungen beschäftigt, die diesen Ereignissen [gemeint ist 9/11, A.d.A.] vorausgingen und sie bis zu einem gewissen Grad mit verursacht haben” (Lewis 2002: 7). Auf weitere Publikationen von Lewis wird Bezug genommen, wenn es relevant für die Argumentation ist.

Zuerst soll die Argumentationslinie in „Der Untergang des Morgenlandes“ dargestellt werden. Die Darstellung wird von einer genaueren Betrachtung der wissenschaftlichen Methoden, der Geschichtsdeutung, der Schlüsse und Lösungsvorschläge von Lewis begleitet. Die kleinschrittige Vorgehensweise in Unterpunkten empfiehlt sich, da eine stringente Argumentation nicht festzustellen war. Es folgt eine Diskussion über Defizite und Widersprüche auf formeller, methodischer und inhaltlicher Ebene.

[…]

4. Resümee

Die Betrachtungen und Thesen von Lewis können auf drei Ebenen, nämlich einer formalen, einer methodischen und einer inhaltlichen, diskutiert werden.

Auf der formalen Ebene ist auffällig, dass in „Der Untergang des Morgenlandes“ viele Redundanzen vorzufinden sind1, die damit zu erklären sind, dass es sich bei der Publikation um eine Ansammlung von Vorlesungsskripten und bereits erschienen kürzeren Aufsätzen handelt (Lewis 2002: 233). Wichtiger und problematischer scheint es jedoch, dass Thesen und Darstellungen sich bei Lewis über Jahre und Jahrzehnte inhaltlich kaum ändern. So weist S.M. Stern auf Folgendes hin: „In 1993, Lewis forgot that he had already written a book called The Middle East and the West […] in 1964 and wrote yet another one on Islam and the West […] (1994) – essentially the same ideas, almost verbatim similarities“. Insbesondere da Lewis für seine Methoden, Thesen und Darstellungen immer wieder kritisiert wurde, angefangen von Edward Said in den 1970er bis zu heutigen Autoren wie Timothy Mitchell, scheinen die intellektuelle Neugierde und Lernbereitschaft, die Lewis für sich in Anspruch nimmt und von den Muslimen fordert, zumindest in seinen Publikationen etwas begrenzt zu sein. So werden auch die Kritiken bei Lewis selten erwähnt. Dann werden sie jedoch im Kontext von „neurologischen Fantasien und Verschwörungstheorien“ (Lewis 2002: 230) gestellt. Später geht Lewis einen Schritt weiter und stellt antikolonialistische und postkolonialistische Autoren, die eine Dekolonialisierung der Geschichtsschreibung anstreben, in Zusammenhang mit Terrorismus: „The assumption is that the past is another territory which has been conquered, subjugated, settled and exploited by imperialist foreigners and the time has come to liberate the past by assault, by an intellectual liberation struggle. The struggle is on at the moment. It is in the guerilla or, as some people would put it, the terrorist phase“ (Lewis 2004: 438).

Auf der methodischen Ebene liegt das Hauptdefizit bei Lewis darin, dass er zwar aus einem großen Repertoire von Geschichten aus der islamischen Welt schöpfen und so Beispiele für seine Thesen liefern kann, dass aber eine empirische Methode, wie etwa bei der empirischen Politikwissenschaft, fehlt. Dazu müssten zuerst die Begriffe und Annahmen in empirisch überprüfbare Konzepte operationalisiert werden. Dann müssten Fallbeispiele systematisch ausgewählt werden, nach Kriterien der Varianz bei den untersuchten Variablen und Konstanz bei den nicht-untersuchten Variablen. Es müssten viele Fallbeispiele und wenige Variablen, die untersucht werden, vorliegen. Und schließlich kann dann untersucht werden, ob eine Übereinstimmung zwischen der anfänglichen Hypothese, d.h. der Annahme, dass die islamische Kultur – im Gegensatz zu der christlich-europäischen Kultur – eine umfassende Modernisierung, Säkularisierung und Frauenemanzipation verhindere, und den empirischen Daten vorliegt. Von diesen Schritten ist allenfalls die erste Hypothese zu erkennen, allerdings fehlt bereits hier die Operationalisierung.

Es handelt sich insgesamt um ein Konglomerat aus Thesen und Beispielen, die nicht nachvollziehbar ausgewählt wurden. So werden Beispiele, die gegen die Thesen von Lewis sprechen, weitestgehend verschwiegen. Eine umfassende empirische Untersuchung über den Zusammenhang von Islam und Modernisierung fehlt hier. Sie wäre eine Voraussetzung für die Überprüfung der Thesen von Lewis.

Methodisch und inhaltlich defizitär ist – wenn man sich auf die Kategorien einlässt – die fehlende Einordnung der Kräfteverhältnisse zwischen Europa und dem Nahen Osten in einen globalen Kontext. Die behauptete Machtverschiebung aufgrund des Niedergangs der islamischen Welt kann ebenso verstanden werden als eine Machtverschiebung zugunsten der neu entstehenden industriellen Gesellschaften auf Kosten der alten agrarbasierten Gesellschaften. Die Dominanz Europas herrschte ja nicht nur gegenüben den Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens, sondern ebenso waren Nord- und Südamerika, Afrika und Asien betroffen. Eine solche Perspektive würde jedoch die These von der islamischen Kultur als die Ursache des Niedergangs infrage stellen. Interessanter als eine solche monokausale Erklärung über die Religion wäre doch die Frage, warum die industriellen Gesellschaften in Europa, und nicht in Asien, Afrika oder auch im Nahen und Mittleren Osten entstanden sind. Diese Frage fehlt bei Lewis völlig.

So lässt sich zusammenfassend kritisieren, dass die Darstellungen und Thesen sich um Begriffe und Konzepte drehen, die sich vielfach als Konstrukte verstehen lassen5. Was die islamische Welt ist, was sie auszeichnet und wie sie sich von der christlichen Welt unterscheidet, wird gesetzt. Diesen Setzungen werden dazu benutzt, bestimmte Lösungsvorschläge anzubieten, die ebenso defizitär sind wie die Prämissen, auf denen sie basieren.

4.1. „Kampf der Kulturen“ als politischer Mythos

Die Feststellung einer defizitären Argumentation greift jedoch zu kurz und kann nicht erklären, warum Thesen, wie sie von Lewis vertreten werden, eine solche Wirkungsmacht haben. Hier ist es vielleicht hilfreich, die Geschichtsdarstellung und Thesen von Lewis als einen Beitrag zur Schaffung des politischen Mythos vom „Kampf der Kulturen“ zu betrachten. Ein politischer Mythos kann definiert werden als eine Erzählung, die eine Eindeutigkeit für die politischen Erfahrungen einer sozialen Gruppe geben kann, indem sie die Komplexität der Erfahrungen reduziert. Er basiert nicht nur auf Geschichtsdarstellungen einzelner Autoren, sondern ist darauf angewiesen, dass eine breitere Öffentlichkeit ihn rezipiert und reproduziert. Weiterhin muss er auf wenige Bilder und Begriffe reduzierbar sein. Ein solcher politischer Mythos ist dann als „mapping device“ (Bottici / Challand: 2006: 321), m.a.W. als „Brille“ zu verstehen, die den Blick auf die Welt vorstrukturiert, die Ansichten über die Welt prägt und so das Handeln der sozialen Gruppe mitbestimmt. Der Zusammenbruch der real-sozialistischen Staaten und damit auch die Trennung der Welt in zwei Lager führte zur Uneindeutigkeit. Das dichotomische Erklärungsmuster „die freie Welt gegen den Kommunismus“ war zerfallen und schuf Platz für einen neuen politischen Mythos. So wurde die Komplexität der sehr unterschiedlichen sozialen Gruppen und ihrer internen und externen Konflikte reduziert auf das Begriffspaar Westen-Islam, das ersetzbar ist durch andere Begriffspaare wie Okzident- Orient, Abendland-Morgenland, Demokratie-Tyrannei, Aufklärung- Fanatismus. Dabei wird nicht nur, wie etwa Said kritisierte, der „Orient“ essentialisiert, sondern ebenso die Vorstellung einer homogenen westlichen Zivilisation entwickelt. Die Rezeption vom „Kampf der Kulturen“ deutet darauf hin, dass hier ein solcher politischer Mythos vorliegt, der als „self-fulfilling prophecy“ funktioniert, weil, indem die Muslime als essenziell feindlich gegenüber dem Westen gesetzt werden, der Kampf des Westens gegen sie zu einer Notwendigkeit wird.

So kann die Wirksamkeit von Autoren wie Lewis vielleicht dadurch erklärt werden, dass sie zum einen eine apologetisierende Geschichtsdarstellung der eigenen sozialen Gruppe liefern. Dies wird durch die Ausblendung der politischen Zusammenhänge und die Essentialisierung des Anderen erleichtert. Zum anderen konstruieren sie durch dichotomische Erklärungsmuster für Konflikte Eindeutigkeit in der Welt, und ermöglichen so einen Handlungsimperativ für die eigene soziale Gruppe.

Ismail Küpeli: Was ging schief beim „Untergang des Morgenlandes“? Eine exemplarische Sichtung der Geschichtsdarstellung von Bernard Lewis. München, 2007, ISBN 3-638-75457-X.

Einleitung, Inhaltsverzeichnis und einige Seiten aus dem Text lassen sich bei grin.com einsehen:

http://www.grin.com/e-book/70017/was-ging-schief-beim-untergang-des-morgenlandes-eine-exemplarische-sichtung

iqta als ‚islamischer Feudalismus‘?

1. Einleitung

Die westliche Analyse der Geschichte der nahöstlichen Gesellschaften und Staaten ist nach wie vor geprägt von den Versuchen, mit europäischen Kategorien und Begriffen Erklärungsansätze zu finden. So wurde ausgehend von der Annahme, dass Gesellschaften sich über den Feudalismus zum Kapitalismus entwickeln würden, nach einem „islamischen Feudalismus“ gesucht. Während frühere Autoren wie Karl Marx den nahöstlichen Gesellschaften die Fähigkeit „Produktivkräfte autonom zu entwickeln und einen geschichtlichen Veränderungswillen zu verkörpern“ absprachen, entdeckten spätere Autoren im iqṭāʿ-System den „islamischen Feudalismus“3. So konnte die europäische Vorstellung von einem Lauf der Geschichte hin zum Kapitalismus –
oder Kommunismus, je nach Autor – bewahrt werden, ohne die Fähigkeit zur gesellschaftlichen Fortentwicklung in der islamischen Welt grundsätzlich negieren zu müssen.
Um untersuchen zu können, ob das iqṭāʿ-System in wesentlichen Punkten mit dem europäischen Feudalismus übereinstimmt, müssen in einem ersten Schritt die Voraussetzungen und die Entstehung des iqṭāʿ-Systems unter der buyyidischen Herrschaft dargestellt werden. Dabei sollen ebenfalls die Rolle des iqṭāʿ in der staatlichen Organisation und die Finanzierung des Militärs deutlich werden. In einem zweiten Schritt sollen die Entwicklungen unter der ayyubidischen Herrschaft dargestellt werden. Darauf folgt die Systematisierung und staatliche Reorganisierung des iqṭāʿ-Systems unter der mamlukischen Herrschaft. Dabei werden die Landvermessungen als Mittel zur Machtumverteilung besonders berücksichtigt.
Abschließend wird das iqṭāʿ-System mit dem europäischen Feudalismus in wenigen zentralen Punkten verglichen. Dabei spielt das Verhältnis von zentraler staatlicher Macht und lokaler, bzw. regionaler Herrschaft eine wichtige Rolle, ebenso wie die Frage der Machtbefugnisse.

[…]

5. Fazit

Für den Vergleich des iqṭāʿ-Systems mit dem europäischen Feudalismus sind zwei zentrale Punkte relevant. Zum einen ist das Verhältnis der Zentralmacht, d. h. des Sultans, zu den muqṭaʿs von Bedeutung. Der Sultan konnte iqṭāʿ-Zuweisungen selbst bestimmen, und konnte dem einzelnen muqṭaʿ ein neues iqṭāʿ-Gebiet zuweisen, die muqṭaʿ-Gruppen unterschiedlich behandeln, die Bedingungen des iqṭāʿ ändern. Der muqṭaʿ hatte seine Befugnisse nur der Zuweisung der Zentralmacht zu verdanken, d.h. er hatte keine eigene Machtbasis.
Gegentendenzen hierzu, wie etwa die, dass muqṭaʿs zeitweilig in der buyyidischen Periode Schutzgebühren für ḥimāya von den Bewohnern iqṭāʿ-Gebiete nahmen, oder die mamlukischen Offiziere ähnliche Gebühren von den ağnād al-ḥalqa nahmen, waren eher von kurzer Dauer und konnten durch staatliche Mittel, wie etwa die Einführung der Gouverneure (wālī) in dem ersten Fall und durch die Landvermessung 1298 im zweiten Fall, beendet werden. Dagegen hatte der europäische Vasall gegenüber seinem Herrn keinen strikten Gehorsam zu leisten, sondern war über einen Treueid mit gegenseitigen Rechten und Pflichten an ihn gebunden. Dabei konnte die Treue auch eingeschränkt werden, so konnten Vasallen auch mehrere Herren haben, und sich im
Konfliktfall zwischen diesen Herren neutral verhalten. Einen Status, der mit der des Vasallen des europäischen Feudalismus vergleichbar wäre, hatte der muqṭaʿ in den hier genannten nahöstlichen Systemen also nicht. Ein Hinweis auf diesen Unterschied ist auch die Lösung von Konflikten. Während in einem Konfliktfall zwischen einem Vasallen und dem König eine Versammlung der Vasallen des jeweiligen Königs richtete, konnte der Sultan einseitig das Verhältnis zu einem muqṭaʿ durch Zuweisung und Absetzung ändern.
Zum anderen hatte der muqṭaʿ grundsätzlich nur die Befugnis in seinem iqṭāʿ-Gebiet die Steuern einzuziehen, dies auch selten vollständig. Die Kopfsteuer (ğawālī) etwa wurde dem Staat, bis auf die Fälle von „vollständiger“ iqṭāʿ (iqṭāʿ darbastā), zugesprochen. Viel wichtiger ist jedoch, dass der muqṭaʿ außer diesem Recht keine Befugnisse über die Bewohner seines iqṭāʿ-Gebietes hatte, während der Lehnsherr des
europäischen Feudalismus die politische, steuerliche, und juristische Kontrolle über die Bewohner seines Lehngutes hatte. Das iqṭāʿ-System kann also verstanden werden als ein System zur Umverteilung von
finanziellen Mitteln, das dem muqṭaʿ keine politische und juristische Kontrolle über die Bewohner zusprach.
Sowohl in seiner Beziehung zum Herrscher, als auch zu den Bewohnern seines iqṭāʿ-Gebietes spielte der muqṭaʿ also keine Rolle, die vergleichbar wäre mit einem Vasallen oder Lehnsherr des europäischen Feudalismus.
Wenn also die Analyse des iqṭāʿ-Systems darauf hindeutet, dass in diesem Zusammenhang nicht von einem „islamischen Feudalismus“ gesprochen werden kann, dann muss ebenso die hinter der Suche nach einem „islamischen Feudalismus“ stehende eurozentristisch geprägte Vorstellung von einem Lauf der Geschichte, die weltweite Geltung hat, in Frage gestellt werden. Andere, eigenständige Modelle von gesellschaftlicher Fortentwicklung müssen demnach mithilfe von Begriffen und Konzepten analysiert werden, die die Begrenztheit der bisherigen westlichen Geschichtsschreibung über nicht-europäische Gesellschaften reflektieren und überwinden.

Ismail Küpeli: iqta als ‚islamischer Feudalismus‘? München, 2007, ISBN 3-638-74966-5

Einleitung, Inhaltsverzeichnis und einige Seiten aus dem Text lassen sich bei grin.com einsehen:

http://www.grin.com/e-book/71692/iqta-als-islamischer-feudalismus

Buchrezension: G. Prunier: Darfur. Der „uneindeutige“ Genozid.

Die öffentliche Debatte über den „Darfur-Konflikt“ dreht sich um zwei Fragen: Findet in Darfur ein Genozid statt? Und wenn ja, wer soll (militärisch) intervenieren um den Genozid zu stoppen? Die Koppelung dieser beiden Fragen weckt bei vielen Erinnerungen an den Kosovo-Krieg 1999, der von der deutschen Regierung als „humanitäre Intervention“ zur Verhinderung eines Genozids dargestellt wurde. So ist es nachvollziehbar, wenn in Teilen der Friedensbewegung der Versuch gemacht wird, andere Erklärungsmuster für den „Darfur-Konflikt“ zu suchen und auf Macht- und Profitinteressen der westlichen Staaten hinzuweisen. Dabei wird allerdings übersehen, dass gerade im „Darfur-Konflikt“, der seit 2003 andauert, die westlichen Staaten an einer militärischen Intervention kein großes Interesse haben. So kann hier von einer kriegslegitimierenden Funktion des Genozid-Diskurses nicht die Rede sein. Abgesehen davon wäre es ohnehin fraglich, einen Genozid zu leugnen, um so einen eventuellen Missbrauch als Kriegsgrund auszuschließen.

Eine dezidiert anti-militaristische Analyse des „Darfur-Konflikts“ bleibt überfällig. Mit der Publikation von Prunier aus dem letzten Jahr findet sich jedoch eine Studie, die die historischen Hintergründe beleuchtet und darauf verzichtet, eine vereinfachte Erklärung für den Genozid zu liefern. Stattdessen stellt Prunier die komplexe Beziehung zwischen Zentrum (Khartum) und Peripherie (Darfur) dar. Die Verwendung der nationalstaatlichen Ressourcen für das Zentrum führe zu einer Unterentwicklung in der Peripherie. Dies wiederum führe zur politischen Opposition in der Peripherie. Wenn die politische Führung im Zentrum in einer solchen Konstellation versuche, einzelne ethnische Gruppen in der Peripherie gegeneinander auszuspielen, um so die staatliche Macht und Ressourcen nicht teilen zu müssen, werde der Konflikt ethnisiert. Als jedoch der Konflikt nicht abbebte und weiterhin eine ‚Bedrohung‘ blieb, hätte sich die politische Führung zu einer genozidalen Bekämpfung der Opposition entschieden.

Insgesamt ist die differenzierte Studie von Prunier zu empfehlen, auch für eine anti-militaristische Debatte. Leider überwiegen hier immer noch die Stimmen, die die Gewalt des sudanesischen Staates gegen die Bevölkerung in Darfur klein zu reden versuchen.

Gérard Prunier: Darfur. Der „uneindeutige“ Genozid. Hamburger Edition, Hamburg 2007, 275 Seiten, 25 Euro.

Ismail Küpeli

Eine überarbeitete Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik (Nr. 525 vom 15.2.2008)

Buchrezension: J. Berlin / A. Klenner: Völkermord oder Umsiedlung?

Die öffentliche Debatte in Deutschland über den Genozid an den Armeniern während des 1. Weltkrieges ist nach wie vor von der Beteiligung des Deutschen Reiches und der Leugnungspolitik des türkischen Staates geprägt. Zahlreiche Publikationen untersuchen etwa die Rolle der deutschen Militärs und Politiker beim Genozid oder argumentieren gegen die Leugnung. Die Publikation „Völkermord oder Umsiedlung“ von J. Berlin und A. Klenner ist ein weiterer Beitrag in dieser Debatte.

Die Publikation besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil, „Darstellung“, bietet auf knapp 50 Seiten einen Überblick über die Geschichte der Armenier vor und während des Osmanischen Reiches. Die Darstellung des jungtürkischen Regimes von 1908 bis 1918 folgt der These, dass die zuerst pluralistische Politik der Jungtürken durch „militärische Niederlagen“ (S. 29) und „Misstrauen“ der christlichen Minderheiten (S. 28) in eine diktatorische umgeschlagen sei. Diese These ist keineswegs unumstritten, weil so die ideologischen Hintergründe der Jungtürken weitgehend ausgeblendet werden und die Schuldlast für den Genozid von den Tätern genommen werden kann.

Der zweite Teil, „Dokumente“ (293 Seiten), besteht aus Auszügen aus sehr unterschiedlichen Publikationen, so etwa aus zeitgenössischen (Augenzeugen-)Berichten, wissenschaftlichen Untersuchungen, literarischen Werken und Veröffentlichungen aus der offiziellen türkischen Leugnungsdebatte. Die Auszüge wurden ins Deutsche übersetzt. Kritisch sind hier zwei Punkte. Zum einen fehlt eine genauere Einordnung der Auszüge. Zum anderen wurden nur die armenischen und türkischen Publikationen einbezogen, die bereits auf Deutsch, Englisch oder Französisch vorlagen.

Der Gesamteindruck bleibt somit widersprüchlich. Die Grenzen einer Debatte, die davon geprägt ist, dass immer wieder zuerst gegen die Leugnung des Genozid argumentiert werden muss, zeigen sich auch in dieser Publikation.

Jörg Berlin / Adrian Klenner: Völkermord oder Umsiedlung? Das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich – Darstellung und Dokumente, PapyRossa Verlag, Köln, 2006, 421 Seiten, 24,90 Euro.

Ismail Küpeli

Eine überarbeitete Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik (Nr. 522 vom 16.11.2007)

Buchrezension: B. Greiner u.a.: Heiße Kriege im Kalten Krieg

Die zeitgenössischen Debatten über Krieg und Frieden sind vielfach von Annahmen geprägt, die nicht weiter hinterfragt werden. Eine dieser Annahmen ist die Vorstellung des „Kalten Krieges“ als eine weltweite Konfrontation zwischen zwei monolithischen Blöcken, wobei die Kriege in der „Dritten Welt“ als „Stellvertreterkriege“ definiert werden. Diese dichotomische Aufteilung bietet etwa auch einen Ausgangspunkt der „Neue Kriege“-Debatte.

Der Sammelband „Heiße Kriege im Kalten Krieg“ stellt diese Annahme in Frage und versucht, sie auch mit Hilfe von Fallbeispielen zu überprüfen und andere Erklärungsmuster anzubieten. Zwei Ansätze werden betont: so zum einen, die Kriege in der „Dritten Welt“ primär als De- und Post-Kolonialkriege zu verstehen und zum anderen, sie aus der Perspektive der lokalen und regionalen Strukturen und Akteure zu sehen.

Neben bekannten Fällen, wie etwa den Kriegen in Korea und Vietnam, wird etwa die widersprüchliche und von regionalen Dynamiken bestimmte Rolle Ägyptens während des Kalten Krieges näher beleuchtet. Hier wird dargestellt, wie die ägyptische Staatsführung ihre strategischen Interessen zu verfolgen und dabei die Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion für sich nutzen versuchte. Dabei wird deutlich, dass von einer „one-way-dependency“ keine Rede sein kann.

Die Publikation ist für alle zu empfehlen, die sich für historische politische Konflikte, die auch für die heutigen politischen Strukturen prägend sind, interessieren.

Zwei Einschränkungen gibt es jedoch. Zum einen fehlt, für einen Tagungsband nicht untypisch, eine dezidierte Einführung und Zusammenfassung. Zum anderen findet sich bei einigen Autoren die argumentativ nicht nachvollziehbare These, dass neoliberale Wirtschaftsstrukturen die Lösung für die Probleme seien, die durch planwirtschaftliche Modelle geschaffen seien. Dies ist sehr fraglich. Jedenfalls haben die neoliberalen Maßnahmen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges für die jeweilige Bevölkerung selten mehr Wohlstand und soziale Sicherheit mit sich gebracht.

Bernd Greiner / Christian Th. Müller / Dierk Walter (Hg.): Heiße Kriege im Kalten Krieg. Hamburger Edition, Hamburg, 2006, 514 Seiten.

Ismail Küpeli

Eine kürzere Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik (Nr. 521 vom 19.10.2007).(PDF-Version)

Buchrezension: G. Achcar / M. Warschawski: Der 33 Tage-Krieg

Über den Libanonkrieg 2006 sind inzwischen, neben zahlreichen Artikeln und Aufsätzen, auch zwei Bücher erschienen. Zum einen die recht umfangreiche Publikation von Simon Wunder und zum anderen die etwas knappere Veröffentlichung von Gilbert Achcar und Michael Warschawski: „Der 33-Tage-Krieg“.

Vorweg: Eine engagierte Kritik der US-amerikanischen und israelischen Politik zu schreiben, ist nichts Verwerfliches. Ebenso wenig verwerflich ist es, auf die Widersprüche zwischen Kriegsrealität und -legitimationsversuchen hinzuweisen.

Problematisch ist jedoch, dass die Publikation zwar für sich in Anspruch nimmt, die „Lücke im spärlich vorhandenen Wissen über den Libanon und die Hisbollah“ zu schließen und eine „fundierte Bewertung des aktuellen Israel-Libanon-Konfliktes“ (siehe Klappentext) zu liefern, aber hauptsächlich aus der Reproduktion der bekannten und vielfach formulierten Kritik der US-amerikanischen und israelischen Politik besteht.

Dies zeigt sich etwa in der Darstellung der Hisbollah auf knapp 10 Seiten (S. 24-33), die unterbrochen wird von polemischen Einwürfen gegen die USA und Israel. Zu finden sind etwa Hinweise auf die „sozialen Dienstleistungen“ der Hisbollah, allerdings ohne eine genauere Analyse dieser oft genannten sozialen Seite einer Organisation, die auch eine politisch-militärische ist. Die Darstellung der militärischen Seite der Hisbollah lehnt sich sehr eng an das Selbstverständnis der Hisbollah an. So ist etwa die Rede von der „im Interesse des Libanon legitimen Bewaffnung“ (S. 33), die dafür da sei, den Libanon zu verteidigen. Dass die militärischen Aktionen der Hisbollah gegen Israel auch dazu dienen, sich im innerlibanesischen Konflikt zu profilieren, bleibt ausgeblendet. Die Darstellung der Geschichte Libanons von der Staatsgründung bis 2006 ist mit einem Umfang von 5 Seiten ebenfalls sehr kompakt.

Insgesamt wird der Libanonkrieg 2006 als Teil eines von USA und Israel geplanten und durchgeführten „unbegrenzten globalen Krieges“ (S. 54, 58, etc.) auf der Basis einer „gemeinsam erarbeiteten Strategie der Neokonservativen beider Länder (USA und Israel, A.d.A.)“ (S. 60) deklariert. Die Formulierung, die USA und Israel seien ein „zweiköpfiges Monster“ (S. 60), ist dann eine Konsequenz dieser Perspektive und macht die analytischen Schwächen deutlich.

Gilbert Achcar / Michel Warschawski: Der 33 Tage-Krieg. Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon und seine Konsequenzen. Edition Nautilus, Hamburg, 2007, 93 Seiten, 10,90 Euro.

Ismail Küpeli

Eine kürzere Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik (Nr. 520 vom 21.9.2007) . (PDF Version)

Buchrezension: J. Hippler: Krieg, Repression, Terrorismus

Der Zusammenhang zwischen Politik, Religion und Gewalt im Nahen und Mittleren Osten ist ein Thema zahlreicher Publikationen, insbesondere in den letzten Jahrzehnten. Es überwiegen dabei kulturkämpferische und eurozentristische Ansätze. Bekannt sind etwa die Autoren S. Huntington und B. Lewis, die in unterschiedlichen Varianten den Islam als die Ursache für Unterentwicklung, fehlende Demokratisierung und Gewalt ausmachen.

Insofern fällt die Studie von J. Hippler positiv aus diesem Rahmen. Durch die Auswahl der Autoren und die Dreisprachigkeit der Publikation wird die Wichtigkeit einer internationellen Debatte betont. Im Gegensatz zu Huntington und Lewis wurde zudem eine vergleichende Analyse der Gewalt im „Westen“ und in der „islamischen Welt“ erstellt. Im Bezug auf Europa weist der Autor darauf hin, dass die einfache These von der Gewaltminderung durch die Ausdehnung der Staatlichkeit so nicht stimmt, sondern er zeigt, dass die Gewaltminderung im privaten Rahmen durchaus mit staatlicher Gewalttätigkeit, etwa in den Welt- und Kolonialkriegen einherging. Des Weiteren wird auf den Zusammenhang von Modernisierung, Aufstieg der Nationalstaaten und genozidaler Politik hingewiesen.

Stellvertretend für die Gewalt in „muslimischen Gesellschaften“ werden als Fallbeispiele der Völkermord an den Armeniern 1915, die von Massakern begleitete Spaltung Pakistans, die Massaker an Mitgliedern der Kommunischen Partei Indonesiens (PKI) 1965 mit bis zu 1 Million Opfern und die Gewaltherrschaft Saddam Husseins im Irak 1979-2003 untersucht. Hippler interpretiert die Beispiele dahingehend, dass in der „islamischen Welt“ ebenso wie in Europa Massaker zur „Durchsetzung, Konzentration und Monopolisierung zentraler staatlicher Macht dienten“ (S. 63). Schon allein diese implizite Kritik der Staatsapogeletik macht die Publikation lesenswert.

Jochen Hippler, Nasr Hamid Abu Zaid, Amr Hamzawy: Krieg, Repression, Terrorismus. Politische Gewalt und Zivilisation in westlichen und muslimischen Gesellschaften. ifa, Stuttgart, 2006, 509 Seiten.

Ismail Küpeli

Eine überarbeitete Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik (Nr. 515 vom 16.3.2007). (PDF-Version)

Schwülstige Geschichten über „Importbräute“

In der Integrationsdebatte werden Frauenrechte funktionalisiert

Sind die muslimischen MigrantInnen anpassungsfähig an das demokratische, menschenrechtsorientierte und freiheitliche politische System in Deutschland? Solche Fragen bestimmen die „Integrationsdebatte“ in Deutschland. Und in der letzten Zeit spielt Necla Kelek mit ihrer Publikation Die fremde Braut dabei eine prominente Rolle. Thematisiert werden darin der „Import“ von Frauen aus der Türkei und Zwangsheiraten von MuslimInnen in BRD. Kelek hat mit ihrer Publikation zu einer weiteren Polarisierung der Debatte geführt. Nicht zu Unrecht haben etwa 60 SoziologInnen und MigrationsforscherInnen in einem „Offenen Brief“ in der Zeit vom 2.2.2006 deutliche Kritik an Keleks Methoden und Positionen geäußert. Die Publikation von Kelek wird darin folgendermaßen bewertet: „Die ‚Analysen‘ [sind] nichts mehr als die Verbreitung billiger Klischees über ‚den Islam‘ und ‚die Türken‘, angereichert durch schwülstige Episoden aus Keleks Familiengeschichte“.

Neben der oben erwähnten sehr deutlichen Kritik sind ebenfalls sehr positive Kommentare zu Die fremde Braut erschienen, so auch vom ehemaligen Innenminister Otto Schily und Alice Schwarzer. Schwarzer bezieht in ihrem Kommentar in der EMMA vom März 2006 wiederum Stellung gegen die Migrationsforscher und bezeichnet sie als „Islamisten-Freunde“. Die Auszeichung mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2005 und eine Gastprofessur an der Universität Duisburg-Essen 2006 sind Hinweise darauf, dass Keleks Positionen von einem großen Teil der Öffentlichkeit als seriös eingeschätzt werden.

Im Kontext solch einer Kontroverse lohnt ein genauerer Blick in die Publikation der vieldiskutierten Autorin.

Anekdoten, Steorotype, Vorurteile

Das Buch setzt sich aus 13 Kapiteln zusammen und beginnt vielsagend pathetisch mit „Dies ist eine wahre Geschichte“ (S. 11). Die Geschichte, die erzählt wird, soll von türkischen Frauen, die in „arrangierten Ehen“ wie „Sklavinnen gehalten“ werden, handeln. Es folgen unvermittelt Anekdoten von der Hochzeitsfeier ihres Bruders. Diese dienen einzig dazu, eine Atmosphäre der Authenzitität herzustellen, der zufolge Kelek die türkische Kultur kenne, und sie den Leser in diese andere Kultur einführen könne. Die Einleitung schließt mit der Bemerkung, dass sie stolz darauf sei, eine Deutsche zu sein (S. 20).

Vorfahren- und Familiengeschichte

Die ersten 7 Kapiteln stellen eine Art Familiengeschichte Keleks und ihrer Vorfahren da, angefangen beim „Exodus der Tscherkessen“ über die Kindheit Keleks in Istanbul bis hin zu ihrer Emanzipation von ihrer Familie und ihrer türkisch-tscherkessischen Herkunft. Dabei tauchen kleinere Texteinheiten auf, in denen die Ebene der persönlichen und familiären Geschichte verlassen wird, um andere Geschichten einzubauen. So z.B. die These, dass der Harem ein Modell dafür sei, wie muslimische Familien sein wollen. Kelek deutet explizit darauf hin, dass die Zustände im osmanischen Harem im 19. Jh. mit den Zuständen in Deutschland des 21. Jh. gleichzusetzen seien (S. 39, 44). Der behauptete Zusammenhang zwischen Harem und muslimischer Familienstruktur wird weiter betont: Die „türkisch-muslimische Frau“ könnte heute genauso „wie die Sklavin im Osmanischen Harem nicht als Ehefrau, sondern nur als Mutter etwas erreichen“ (S.47).

Im Folgenden plätschert die Familiengeschichte dahin – unterbrochen von merwürdigen Behauptungen wie der, dass auf türkischen „Festen, das weiß man (sic!) […] Fäuste und Messer locker sitzen“ und man „Ärger mit den Brüdern bekommen kann“ (S. 65) , dass muslimische Mädchen weder in der Türkei noch in Deutschland auf Schaukeln zu sehen sind (S. 87) und dass sich „türkische Jungen immer auf der Straße herumtreiben und an den Ecken herumlungern“ (S. 127). Ein weiteres Mittel zur Herstellung einer Atmosphäre der Authenzitität ist, dass Kelek auch für die banalsten Wörter türkische Ausdrücke verwendet, so statt Backblech „Tepsi“ (S. 87), statt Wassermelone „Karpuz“ (S. 87) und statt Teppich „Kelim“ (S. 97).

„Geschichten von den ‚Importbräuten‘“

Nach Kapitel 9, einer eigentümlichen und gerafften Darstellung des Islams, tauchen erst in den beiden letzten Kapiteln erste zusammenhängende Geschichten über die angekündigen Themen „Importbräute“ aus der Türkei und Zwangsheiraten von MuslimInnen in Deutschland auf. Die erste Geschichte ist die Wiedergabe eines Dialogs zwischen Kelek und einer Freundin ihrer Mutter. Es folgt eine Typisierung einer „typische[n] Importbraut“ (S. 171), wobei unklar bleibt, ob und wie diese Typisierung auf Empirie basiert. Weiter geht es mit Geschichten von drei türkischen Frauen, die über die Heirat eines in Deutschland lebenden Türken nach Deutschland gekommen sind. Die Geschichten werden erzählt, aber eine empirische Methode, wodurch die Geschichten erst bewertbar und weiterverwendbar würden, fehlt. Die Problematik, die dadurch entsteht, müsste Kelek eigentlich bewußt sein, da sie Soziologin ist und dies bei ihren Veröffentlichungen immer wieder betont. Es bleibt je nach Leser ein Gefühl des Mitgefühls für die Frauen und/oder Ablehnung gegenüber „den“ Türken, bzw. Muslimen zurück.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass der „Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland“ (so der Untertitel von Die fremde Braut) weder authentisch noch wissenschaftlich ist. Die oben erwähnte öffentliche Wirkung von Kelek trotz dieser Defizite zeigt, dass die „Integrationsdebatte“ keineswegs so rational und wirklichkeitsorient ist, wie ihre ProtagonistInnen behaupten, sondern vielmehr, dass diese Debatte repressiv und ideologisch gegen Nicht-Deutsche gerichtet ist. Dabei werden auch für sich genommen emanzipatorische Konzepte wie der Kampf gegen Zwangsheirat funktionalisiert und Argumente daraus für die eigene politische Agenda verwendet.

Necla Kelek: Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2005, 269 Seiten.

Ismail Küpeli

Eine überarbeitete Fassung dieses Artikels erschien in der analyse&kritik (Nr. 513 vom 19.1.2007). (PDF-Version)