Buchrezension: G. Prunier: Darfur. Der „uneindeutige“ Genozid.

Die öffentliche Debatte über den „Darfur-Konflikt“ dreht sich um zwei Fragen: Findet in Darfur ein Genozid statt? Und wenn ja, wer soll (militärisch) intervenieren um den Genozid zu stoppen? Die Koppelung dieser beiden Fragen weckt bei vielen Erinnerungen an den Kosovo-Krieg 1999, der von der deutschen Regierung als „humanitäre Intervention“ zur Verhinderung eines Genozids dargestellt wurde. So ist es nachvollziehbar, wenn in Teilen der Friedensbewegung der Versuch gemacht wird, andere Erklärungsmuster für den „Darfur-Konflikt“ zu suchen und auf Macht- und Profitinteressen der westlichen Staaten hinzuweisen. Dabei wird allerdings übersehen, dass gerade im „Darfur-Konflikt“, der seit 2003 andauert, die westlichen Staaten an einer militärischen Intervention kein großes Interesse haben. So kann hier von einer kriegslegitimierenden Funktion des Genozid-Diskurses nicht die Rede sein. Abgesehen davon wäre es ohnehin fraglich, einen Genozid zu leugnen, um so einen eventuellen Missbrauch als Kriegsgrund auszuschließen.

Eine dezidiert anti-militaristische Analyse des „Darfur-Konflikts“ bleibt überfällig. Mit der Publikation von Prunier aus dem letzten Jahr findet sich jedoch eine Studie, die die historischen Hintergründe beleuchtet und darauf verzichtet, eine vereinfachte Erklärung für den Genozid zu liefern. Stattdessen stellt Prunier die komplexe Beziehung zwischen Zentrum (Khartum) und Peripherie (Darfur) dar. Die Verwendung der nationalstaatlichen Ressourcen für das Zentrum führe zu einer Unterentwicklung in der Peripherie. Dies wiederum führe zur politischen Opposition in der Peripherie. Wenn die politische Führung im Zentrum in einer solchen Konstellation versuche, einzelne ethnische Gruppen in der Peripherie gegeneinander auszuspielen, um so die staatliche Macht und Ressourcen nicht teilen zu müssen, werde der Konflikt ethnisiert. Als jedoch der Konflikt nicht abbebte und weiterhin eine ‚Bedrohung‘ blieb, hätte sich die politische Führung zu einer genozidalen Bekämpfung der Opposition entschieden.

Insgesamt ist die differenzierte Studie von Prunier zu empfehlen, auch für eine anti-militaristische Debatte. Leider überwiegen hier immer noch die Stimmen, die die Gewalt des sudanesischen Staates gegen die Bevölkerung in Darfur klein zu reden versuchen.

Gérard Prunier: Darfur. Der „uneindeutige“ Genozid. Hamburger Edition, Hamburg 2007, 275 Seiten, 25 Euro.

Ismail Küpeli

Eine überarbeitete Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik (Nr. 525 vom 15.2.2008)