Rezension: Rassismus in der Leistungsgesellschaft

Die Tatsache, dass ein ehemaliger Berliner Senator mit absurden Thesen über die Gene von Juden und Basken einen Sachbuch-Bestseller landen konnte und dass Rassismus in Deutschland nicht erkannt wird, wenn das Wort „Rasse“ durch „Ethnie“ oder „Kultur“ ersetzt wird, war für viele Linke ein Schock. Auch diejenigen, die davon ausgehen, dass rassistische Denkmuster in Deutschland mehrheitsfähig sind, waren von der Heftigkeit der „Sarrazin-Debatte“ überrascht. Nach einem kurzen Moment des Taumelns wurden verschiedene Gegenstimmen hörbar. Während einige versucht haben, auf die bürgerlich-demokratischen Mindestnormen zu verweisen (so etwa dass eine Diskriminierung aufgrund von Religion und Herkunft nicht hinnehmbar ist), machten sich andere daran, die vermeintlich wissenschaftliche Argumentation hinter der Rede über „türkische Inzuchtclans“ auseinanderzunehmen. Es entstand eine ganze Reihe von Artikeln, Kommentaren, Aufsätzen und Büchern aus sehr unterschiedlichen Perspektiven und von unterschiedlicher Qualität, die in ihrer Gesamtheit viele Argumente lieferten, wie absurd und falsch die Thesen von Sarrazin sind.

Diese Phase ist weitgehend abgeschlossen. Wer nach der ganzen Debatte immer noch der Meinung ist, dass es naives „Gutmenschlertum“ ist, Sarrazin nicht recht zu geben, da würden wahrscheinlich weitere Argumente auch kein Umdenken herbeiführen. Nötig wäre jetzt eine Beschäftigung mit der Sarrazin-Debatte als „diskursives Ereignis“, also die Fragen danach, auf welche Denk- und Deutungsmuster hier zurückgegriffen werden konnte und welche politischen und gesellschaftlichen Modelle in dieser Debatte forciert wurden. Einen wichtigen Beitrag hierzu leistet der Sammelband „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“.

Die 14 Beiträge gruppieren sich unter den Kapiteln „Migration und Rassismus“, „Bevölkerungs- und Biopolitik“, „Kapital und Nation“ und „Interventionen und Perspektiven“. Der inhaltliche Mehrwert und die Lesbarkeit der einzelnen Beiträge schwanken, was für einen Sammelband recht typisch ist. Sehr gut gelungen ist das einleitende Kapitel des Herausgebers, in dem auf 32 Seiten die grundlegenden Thesen und Argumente aufgeschlüsselt werden. Die Verbindungen zwischen der Sarrazin-Debatte und den neoliberalen Gesellschaftsvorstellungen, die solche Debatten forcieren, werden im lesenswerten Beitrag „Zwischen neoliberaler Standortlogik und rechtspopulistischem Sarrazynismus“ von Christoph Butterwegge aufgezeigt. Wie in anderen Beiträgen deutlich sichtbar wird, richtet sich das Buch eher an eine akademische Leserschaft – ohne Kenntnis soziologischer Termini sind einige Texte nicht verständlich. Die analytische und eher akademische Schwerpunktsetzung zeigt sich auch daran, dass das letzte Kapitel „Interventionen und Perspektiven“ am kürzesten ausfällt und praxisnahe Ideen und Vorschläge weitgehend ausbleiben.

Das Buch ist insgesamt lesenswert, wenn auch die Sprache teilweise unnötig kompliziert ist. Denn die Stärke der Publikation liegt in der wissenschaftlichen Analyse und Kritik und so ist der qualitative Unterschied zu vielen anderen Veröffentlichungen im Zuge der Sarrazin-Debatte deutlich.

Sebastian Friedrich (Hg.) (2011): Rassismus in der Leistungsgesellschaft. edition assemblage, Münster.


Eine kürzere Fassung erscheint in: analyse&kritik, Februar 2012.