Archiv für Juni 2014

Rassismus und Antiziganismus in Portugal

Die portugiesische Gesellschaft ist bis heute stark geprägt durch Migrationsbewegungen. In den 1970er und 1980er Jahren wanderten insbesondere prekarisierte ArbeiterInnen aus den (ehemaligen) Kolonien ein, später aus Osteuropa. Durch die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise hat auf der anderen Seite die Auswanderung nach Mittel- und Nordeuropa massiv zugenommen. Der Politikwissenschaftler und Aktivist Ismail Küpeli untersucht, wie sich Rassismus und Antiziganismus unter diesen spezifischen Bedingungen in Portugal ausformen.

Die massive Auswanderung von PortugiesInnen ist kein neues Phänomen. Bereits unter der Salazar-Diktatur verließen viele Menschen das Land, sei es aufgrund von Armut oder politischer Verfolgung. In den 1970er Jahren lebten über eine Million PortugiesInnen im Ausland und die Bevölkerung in Portugal sank von 9,7 Millionen (1960) auf 8,5 Millionen (1970). Die Rücküberweisungen der emigrierten portugiesischen ArbeiterInnen waren bis weit in die 1980er Jahre eine wichtige finanzielle Devisenquelle für Portugal. Noch 1989 lag der Anteil der Rücküberweisungen am Bruttoinlandsprodukt bei über 8%. Die Zahl der PortugiesInnen im Ausland beträgt inzwischen über 5,5 Millionen2, was bei einer Bevölkerung von zehn Millionen, die noch in Portugal leben, die immense Auswanderung deutlich macht. Unmittelbar nach der Nelkenrevolution 1974 wanderten viele Günstlinge und UnterstützerInnen der Diktatur ins Ausland, neben einigen wohlhabenderen PortugiesInnen, die ihr Vermögen sichern wollten. In den 1970er und 1980er Jahren ging die Arbeitsmigration nach Nordeuropa etwas zurück. Portugal entwickelte sich in den 1990er Jahren zu einer Art migrationspolitischer Zwischenstation bzw. zu einer »Semiperipherie im globalen Migrationssystem«3. Während einerseits portugiesische ArbeiterInnen nach Nordeuropa gingen, um dort prekäre und schlecht bezahlte Jobs zu machen, kamen MigrantInnen nach Portugal, um hier prekäre und schlecht bezahlte Jobs zu machen. Ab Mitte der 1990er Jahre lag die Zahl der EinwanderInnen in Portugal höher als die Zahl der PortugiesInnen, die ins Ausland auswanderten. In der gegenwärtigen Krise hat die Arbeitsmigration von PortugiesInnen deutlich zugenommen. Zielländer sind, neben den reicheren europäischen Ländern, auch die ehemaligen Kolonien. Erwähnenswert ist etwa Angola mit seiner wachsenden Erdölindustrie, das inzwischen viele gut ausgebildete portugiesische ArbeiterInnen beschäftigt.

Weiterlesen: DISS-Journal 27 (2014)