Genauer hinsehen! Eine emanzipatorische Antwort auf »den« Islamismus braucht Differenzierung

Um gegen Islamismus sinnvoll agieren zu können, braucht es eine Verständigung darüber, was unter Islamismus verstanden wird. Bisher krankt eine linke emanzipatorische Antwort auf den Islamismus daran, dass munter zwischen Islamismus, konservativen Islamvorstellungen und Religiosität bei MuslimInnen gesprungen wird. Parallel werden ebenfalls die Situation in Deutschland, die Situation in autoritären Staaten mit muslimischer Bevölkerung, die Aktivitäten konservativer islamischer Verbände aller Art und die Angriffe von dschihadistischen Organisationen zu einem einheitlichen Brei zusammengerührt.
Islamismus ist erst einmal nur die Vorstellung, dass »der« Islam als Leitbild für politische Entscheidungen dienen soll. Es gibt innerhalb der vielen islamistischen Strömungen unterschiedliche Definitionen dessen, was »der« Islam ist und auf welche Texte und Traditionen Bezug genommen werden kann. Ebenso gibt es kein einheitliches Verständnis darüber, ob »der« Islam ausschließlich und allein als Rechtsquelle dient, nur als grobe Orientierung oder lediglich als eine symbolische Legitimationskraft – ohne reale Auswirkungen auf die politische Praxis. Nicht zuletzt müsste zwischen unterschiedlichen islamistischen AkteurInnenen unterschieden werden. Ein islamistischer Staat verfügt über andere Mittel und Ressourcen als eine islamistische Organisation in einem nicht islamistischen Staat oder einzelne IslamistInnen.
Diese einfachen Grundsätze der Differenzierung, die bei anderen Ideologien und AkteurInnen selbstverständlich sind, fallen merkwürdigerweise bei linken Debatten über den Islamismus vielfach weg. Niemand würde ernsthaft die Evangelische Kirche in Deutschland, die Lord’s Resistance Army und fundamentalische LebensschützerInnen in den USA als eine zusammenhängende Front beschreiben. Anders beim Islamismus: Da wird von der Staatsrepression im Iran über die IS-Angriffe in Nordsyrien bis hin zur Zunahme von konservativen Islamvorstellungen unter deutschen MuslimInnen eine Linie gezogen.
Ebenso müsste im Einzelnen genau benannt werden, welche islamistischen Aktivitäten genau aus einer linken und emanzipatorischen Perspektive ein Problem darstellen. Also, gegen was genau möchte man handeln? Daraus leitet sich ab, wie man handelt. Wenn ich gegen die Rekrutierung von KämpferInnen für dschihadistische Organisationen agieren will, ist meine Praxis eine andere, als wenn ich Menschenrechtsverletzungen in islamistischen Staaten kritisieren.

Kein Bündnis mit falschen FreundInnen

Ein weiteres zentrales Problem beim bisherigen linken Umgang mit Islamismus ist, dass im Kampf gegen Islamismus Bündnisse mit rechten und sogar rassistischen AkteurInnen geschlossen werden und wenig beachtet wird, wieweit die eigenen Positionen gegen Islamismus einem weit verbreiteten antimuslimischen Rassismus in die Hände spielen. Denn die Übergänge zwischen Kritik am Islamismus, genereller Islamfeindschaft und Feindschaft gegen MuslimInnen sind fließend.
Hierbei wäre es hilfreich, zur Kenntnis zu nehmen, dass die islamistischen Praxen mehrheitlich auf MuslimInnen zielen und in Gegenstrategien zum Islamismus diese Betroffenen zu wenig zu Wort kommen – jenseits der Rolle als stimmlose und passive Opfer. So sorgt auch im Jahr 2014 die Existenz von AkteurInnen, die sich als links und muslimisch verstehen, für erstaunte Blicke – etwa auf die »Antikapitalistischen Muslime« aus der Türkei. Das zeigt, wie wenig Wissen über MuslimInnen innerhalb der deutschen Linken existiert – von Austausch und Kooperation ganz zu schweigen.

In: analyse & kritik (Nr. 599, 18.11.2014)