Kampf um Kobane – Kampf um die Zukunft des Nahen Ostens

Ismail Küpeli (Hg.): Kampf um Kobane – Kampf um die Zukunft des Nahen Ostens. ISBN 978-3-942885-89-8, Erscheint ca. August 2015.

Am 28. September 2014 begann der „Islamische Staat“ den Angriff auf die kleine Grenzstadt Kobane in Rojava/Nordsyrien. Angesicht der vorhergehenden IS-Siege in Irak und Syrien, in denen Millionenstädte wie Mosul innerhalb weniger Tage erobert wurden, schien die Schlacht um Kobane keine große Bedeutung zu haben. Es hätte kaum ein westlicher Beobachter im Vorfeld erwartet, dass ein paar hundert kurdische Kämpfer die Stadt über 120 Tage lang halten konnten und der IS hier seine erste große Niederlage einstecken würde.

Nachdem aber Kobane entgegen der Erwartungen nicht in kurzer Zeit fiel und die PKK-nahen kurdischen KämpferInnen die Stadt halten konnten, entdeckte die „Weltöffentlichkeit“ den Konflikt. Für einige Wochen wurde hastig berichtet, emotional bewegende Bilder wurden eingefangen und herumgereicht – nur um sich nach kurzer Zeit dem nächsten Konfliktherd zuzuwenden.

Aber eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Ereignisse in Rojava/Nordsyrien ist geblieben – und auch das Bedürfnis nach tieferen Einblicken jenseits von militärischen Tagesberichten. Dafür müssten die Konfliktlinien, die in Kobane zusammentreffen, näher analysieren werden. Diese Linien ziehen sich geographisch durch den gesamten Nahen Osten und die Konflikte betreffen zentrale Auseinandersetzungen – wie etwa die Frage der Gewalt als Mittel der Politik und linke Positionen gegenüber Nation und Nationalstaat. Der Kampf um Kobane verknüpft die Konflikte in Syrien und der Türkei und und lässt sich nur dann verstehen, wenn diese Konflikte im einzelnen zumindest skizziert werden. Gleichzeitig muss eine Pluralität der Perspektiven und Positionen zu ermöglicht werden. Die Widersprüchlichkeit der Realität macht es fragwürdig, bereits vornherein die „richtige Haltung“ einzufordern.

Aus diesen Selbstanspruch ist geplant, die Debatten im Rahmen eines Sammelbandes zu führen, der im Sommer 2015 bei edition assemblage erscheinen wird. Darin sollen zumindest folgende Themen skizziert werden – auch damit nicht alle relevanten Aspekte angesprochen sind:

1) Aufgrund einer jahrelangen Desinteresse an der „kurdischen Frage“ ist es vielfach unklar, was Rojava bedeutet. Die kurdischen Selbstverwaltungsgebiete in Nordsyrien werden inzwischen von Einigen als ein emanzipatorisches Projekt angesehen, das beispielhaft für den ganzen Nahen Osten sei. Andere halten es für eine Notverwaltung in einem Bürgerkriegsland ohne größere politische Bedeutung.

2) Die Situation in Kobane und ganz Rojava ist Teil des Bürgerkrieges in Syrien. Wie lässt das Assad-Regime kennzeichnen? Wer sind die Regimegegner, welche Gesellschaftsordnung streben sie an und wie agieren sie im Bürgerkrieg? Gibt es AnsprechpartnerInnen für eine emanzipatorische Linke?

3) Ohne die militärische Erfahrung und die organisatorische Stärke der PKK wäre das Projekt Rojava sehr wahrscheinlich anders verlaufen. Um die PKK besser einzuschätzen, soll die Geschichte der PKK kritisch reflektiert und ihre heutige Rolle als der zentrale kurdische Akteur in der Türkei und eine relevante Kraft in Irak und Syrien skizziert werden.

4) Auf der anderen Seite lässt sich der Aufstieg der IslamistInnen in Syrien kaum ohne die Unterstützung der AKP-Regierung in der Türkei erklären. Was wollte das Erdoğan-Regime mit der Einmischung im syrischen Bürgerkrieg erreichen? Welches Gesellschaftsmodell verfolgt die AKP für die Türkei und welche Rolle spielt die Außenpolitik dabei?

5) Die innenpolitischen Maßnahmen der AKP-Regierung mehrheitlich gegen die politische Opposition gerichtet. Wer sind die RegimegegnerInnen in der Türkei? Was sind diejenigen Kräfte, die außerparlamentarisch für ein „besseres Leben“ kämpfen? Hier sollen insbesondere subalterne und marginalisierte Akteure zur Wort kommen, die in woanders oft unterschlagen werden.

6) Der Kampf um Kobane kann nicht ohne ein Blick auf die andere Seite der Barrikaden verstanden werden. Beim „Islamischen Staat“ interessiert uns weniger die organisatorischen Ursprünge als vielmehr zum einen die politische Ideologie des IS und zum anderen die Rolle, die der IS in den Bürgerkriegen im Irak und Syrien spielt. Dabei sollen die Verbindungen zwischen dem IS und der „sunnitischen Koalition“ aus der Türkei und arabischen Golfstaaten angesprochen werden.

Die Herausforderung besteht darin, die Debatten um Kobane und Rojava nach einem Medienhype und dem darauffolgenden Desinteresse fortzuführen und inhaltlich zu vertiefen. Internationalismus scheint vielfach ein Thema für SpezialistInnen zu sein, wodurch bei jedem größeren Konflikt auf der Welt die Linke in ihrer Mehrheit wieder beim Nullpunkt der Debatte ansetzt und wieder aus der Debatte aussteigt, bevor ein wirklicher Erkenntnisgewinn eingesetzt hat. Natürlich können Publikationen allein kein Wandel im linken Umgang mit weltweiten Konflikten herbeizaubern. Sie können aber einen Beitrag dafür leisten. Notwendig ist dafür eine selbstkritische Sicht auf die eigene bisherige Praxis und eine größere Offenheit gegenüber anderer Perspektiven und Positionen – gerade wenn es um Weltregionen geht, über die man wenig sicheres weiß.

http://www.edition-assemblage.de/kampf-um-kobane/