Archiv für Januar 2016

Interview: „Ein unglaublich barbarischer Krieg“

Alp Kayserilioglu über die Lage im Südosten der Türkei, die Bedingungen für kritische Journalisten und die kurdischen Kräfte

Du bist mit anderen Journalisten in den Kriegsgebieten im Südosten der Türkei unterwegs. Was habt ihr genau vor?

Wir haben uns als »Lower class magazine« (LCM) dazu entschieden, in diese Kriegsregion zu reisen und vom Staatsterror gegen die kurdische Bevölkerung und die Ausmaße des Krieges in der Südosttürkei und in Nordkurdistan zu berichten. Wir waren und sind nach wie vor der Meinung, dass die Berichterstattung zu der hier ausufernden Gewalt und Barbarei desolat ist und die desaströsen Bedingungen hier nicht widerspiegelt. Uns haben sich einige freie Journalisten angeschlossen, die aus demselben Interesse in die Region reisen wollten. Wir liefern seit unserer Ankunft regelmäßig Reportagen und Berichte aus unterschiedlichen Teilen der Region.

Weiterlesen: Neues Deutschland (22. Januar 2016)

ZDF heuteplus: Menschen werden weiterhin fliehen

„Viele Flüchtlinge aus Syrien kommen über die Türkei nach Europa. Zusätzlich werden weitere kommen: Kurden aus dem Osten der Türkei, sagt Politikwissenschaftler Ismail Küpeli“
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ZDF heuteplus (22. Januar 2016)
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/1427676#/beitrag/video/2653642/%E2%80%9EMenschen-werden-weiterhin-fliehen%E2%80%9C

Interview mit : „Die Mächtigen aber schweigen“

Professor Gazi Çaglar über den Krieg der türkischen Regierung gegen die Kurden, den Appell der »Akademiker für den Frieden« und ein tatenloses Europa

»Ein NATO-Land bekämpft seine eigene Bevölkerung mit NATO-Panzern und europäischen Waffen und Europa schweigt«: Für Professor Gazi Çaglar ein »klassischer Fall politischer Doppelmoral und Heuchelei.« Ein Gespräch über den Krieg in der Türkei.

Der Krieg in den kurdischen Gebieten der Türkei dauert bereits über sieben Monate. Wie ist die Stimmung in der Öffentlichkeit und bei der Bevölkerung?

Über die Stimmung in der Bevölkerung etwas Zutreffendes auszusagen, wird immer schwerer. Die enorme Zensur, die Gleichschaltung der Medien, die Diffamierung und Verhaftung von Journalisten und die fast vollständige Unterdrückung kritischer Stimmen erzeugt eine Atmosphäre der Angst. Kleinste Kundgebungen und Demonstrationen auf den Straßen und an den Universitäten der Türkei werden in Polizeieinsätzen niedergeknüppelt. In den kurdischen Gebieten werden ganze Kleinstädte und Stadtteile verwüstet, die Zahl der getöteten Zivilisten steigt in einem brutalen Krieg täglich.

Weiterlesen: Neues Deutschland (16. Januar 2016)

Anschlag in Istanbul: Wenige Erkenntnisse und viele Gerüchte

Nach dem Anschlag in Istanbul mit zehn getöteten deutschen Touristen wird die Spurensuche fortgesetzt. Die türkische Regierung spricht weiter von einer Täterschaft des Islamischen Staates.

Weiterlesen: Neues Deutschland (14. Januar 2016)

Todesschwadronen kehren zurück

Erbarmungsloser Feldzug der türkischen Armee eskaliert den Konflikt weiter

Seit der Krieg in den kurdischen Städten der Türkei angekommen ist, gibt es Meldungen über Todesschwadronen an der Seite der türkischen Armee. Es häufen sich die Hinrichtungen von Zivilisten.

Bereits im September kursierten die ersten Meldungen darüber, dass bei den Militäroffensiven auf kurdische Städte in der Südosttürkei wie beispielsweise Cizre nicht nur reguläre Soldaten und Polizisten eingesetzt wurden, sondern auch andere, paramilitärische, Kräfte. Einige kurdische Quellen meldeten sogar, dass IS-Kämpfer an der Seite der türkischen Armee an den Angriffen teilnehmen würden. Auch wenn dies unwahrscheinlich ist, gibt es durchaus Aufnahmen von einzelnen Sondereinheiten der Armee und Polizei, die man eher von Dschihadisten oder den berüchtigtsten Todesschwadronen der 90er Jahre erwarten würde.

Weiterlesen: Neues Deutschland (12. Januar 2016)

Mindestens zehn Touristen sterben bei Anschlag in Istanbul

Mindestens neun Bundesbürger unter den Opfern / Politiker reagieren entsetzt – aber auch Kritik an Erdogan-Regime / Ankara verhängt Nachrichtensperre

Der Anschlag in Sultanahmet zielt auf die TouristInnen, die Istanbul besuchen. Laut einigen türkischen Medien ging die Bombe in der Nähe einer deutschen Reisegruppe hoch. Demnach seien 9 der 10 Toten deutsche TouristInnen. Auch unter den Verletzten werden Ausländer vermeldet. Obwohl bisher nicht bekannt ist, wer für den Anschlag verantwortlich ist, ist die Wirkung recht offensichtlich. Der für die Türkei ökonomisch wichtige Tourismussektor soll mit diesem Anschlag getroffen werden.

Weiterlesen: Neues Deutschland (12. Januar 2016)

Türkische Polizei tötet fast ein Dutzend Kurden durch Kopfschuss

Mindestens 12 Opfer bei Polizeirazzia im osttürkischen Van / HDP-Vertreter sprechen von Massenhinrichtungen

Inzwischen häufen sich Meldungen über Hinrichtungen seitens der türkischen Armee und Polizei. Nach der Tötung von vier KurdInnen in Silopi am Dienstag wurden am Sonntag in Van zwölf junge KurdInnen von der Polizei erschossen.

Während der Krieg in der Türkei in Deutschland medial kaum noch vorkommt und andere Meldungen die Berichterstattung dominieren, geht das Sterben im Osten der Türkei unvermindert weiter. Immer mehr drängt sich der Eindruck auf, dass die zivilen Opfer nicht bloße »Kollateralschäden« eines Krieges zwischen der Türkei und der PKK sind. Die türkischen Sicherheitskräfte gehen zunehmend mit tödlicher Gewalt gegen alle Kräfte vor, die im Verdacht stehen, mit der PKK zu sympathisieren und schrecken inzwischen offensichtlich auch nicht mehr vor völkerrechtswidrigen Hinrichtungen von Zivilisten zurück. Allein letzte Woche wurden mindestens 15 Menschen auf diese Weise getötet.

Weiterlesen: Neues Deutschland (10. Januar 2016)

Veranstaltungen: Der Krieg gegen die Kurden in der Türkei

Aus aktuellem Anlass biete ich 2016 Vorträge über den Krieg gegen die Kurden in der Türkei an. Anfragen an: Ismail.Kuepeli@ruhr-uni-bochum.de

Ankündigungstext:

„Der Krieg in der Türkei dauert schon über 5 Monate. Die Ausgangssperren und Belagerungen von kurdischen Städten im Osten der Türkei haben sich
inzwischen zu einem Dauerzustand entwickelt. In einigen dieser Städte, wie etwa Cizre, Silopi und Nusaybin, finden immer wieder Militäroffensiven statt. Während dieser Ausgangssperren und Militäroffensiven in den Städten wurden über 140 kurdische Zivilisten getötet, unzählige Menschen verletzt und ganze Straßenzüge zerstört. 2016 dürften die Kämpfe noch zunehmen, weil inzwischen auch auf kurdischer Seite die Stimmen für den militanten und militärischen Weg lauter werden. Die EU hat sich eindeutig auf die Seite der türkischen Regierung gestellt – und damit gegen eine demokratische und friedliche Lösung des Konfliktes.
Ismail Küpeli berichtet über die aktuelle Situation und beleuchtet die Hintergründe. Er ist Politikwissenschaftler und Journalist mit Schwerpunkt Türkei, Naher und Mittlerer Osten.“

4. Februar 2016 (19 Uhr), Bahnhof Langendreer (Bochum) / 10. Februar (18:00), Hochschule für Bildende Künste (Raum 141), Dresden / 3. März, Wuppertal / 14. März, Münster / 6. April 2016, Tübingen / 13. April, Bremen

Jahresrückblick 2015

Nach der Rückkehr aus Portugal nach Deutschland im Sommer 2014 fing ich verstärkt an, mich mit Rojava zu beschäftigen. Mit dem IS-Angriff auf Kobane im September 2014 begann ich, die Meldungen über das Geschehen dort zu übersetzen, einzuordnen und die Informationen über Twitter für das deutschsprachige Publikum bereitzustellen. Nicht zuletzt durch die Rolle der Türkei für den gesamten Konflikt gerieten auch die Ereignisse innerhalb der Türkei selbst stärker in meinen Blick.

Das für mich wichtigste Ereignis in den ersten Monaten des Jahres 2015 war die große Protestwelle gegen Gewalt an Frauen nach dem Mord an Özgecan Aslan am 11. Februar. Es schien, als würde der Geist der Gezi-Proteste noch einmal aufleben und Morde an Frauen nicht mehr einfach so hingenommen. Kurz danach meldete sich die finstere Realität der Türkei wieder zurück. Die AKP-Regierung beschloss gegen alle Widerstände neue Sicherheitsgesetze, die jeglichen Protest auf der Straße repressiv bekämpfen lassen. Auch der fragile und schwerfällige „Friedensprozess“ mit der kurdischen PKK wurde seitens der Regierung immer mehr zurückgefahren und drohte schon damals zu scheitern. Die AKP-Regierung trat zunehmend autoritär auf – so wurden etwa die 1. Mai-Veranstaltungen in Istanbul durch massive Polizeirepression unmöglich gemacht. Auch im Vorfeld der Parlamentswahlen am 7. Juni wurde der neue Kurs der Türkei sichtbar, als es zu hunderten von Angriffen gegen die linke HDP kam. Trotz dieser Angriffe schaffte es die HDP, die Wahlhürde von 10% zu überwinden, und sorgte so dafür, dass die AKP ihre alleinige Mehrheit im Parlament verlor. Zum ersten Mal seit ihrem Machtantritt 2002 konnte die AKP nicht mehr alleine regieren. Viele hofften damals, dass mit der HDP eine Fürsprecherin einer friedlichen Lösung der „Kurdenfrage“ im Parlament säße, der Friedensprozess endlich vorankäme. Stattdessen setzte – zum Erschrecken vieler – die Regierungspartei AKP auf Eskalation der innenpolitischen Situation und auf eine Herbeiführung von Neuwahlen. Mit dem Anschlag von Suruç am 20. Juli starb der Friedensprozess durch Racheaktionen der PKK und durch darauf folgende türkische Luftangriffe auf PKK-Stellungen im Nordirak. In den folgenden Wochen entwickelte sich daraufhin ein Krieg, der auch immer stärker die kurdischen Gebiete der Türkei umfasste. Die türkische Armee setzte bei den Angriffen auf die kurdischen Städte Cizre, Silopi, Silvan u.v.a. Panzer und Artillerie ein. Viele Zivilisten starben, sei es durch die Militärangriffe selbst oder aufgrund der Ausgangssperren, die dazu führten, dass die medizinische Versorgung nicht mehr sichergestellt werden konnte. Während in den östlichen Landesteilen ein offener Krieg herrschte, wurde im gesamten Land die Opposition repressiv bekämpft. OppositionspolitikerInnen und kritische JournalistInnen wurden festgenommen, Medien zensiert oder gleich ausgeschaltet. Der Krieg vertiefte auch die ethnische Spaltung des Landes, nicht zuletzt weil die westtürkische Öffentlichkeit sich eher indifferent gegenüber den kurdischen Kriegsopfern zeigte. Die Hoffnungen des 7. Juni waren verflogen und an die Möglichkeit einer friedlichen Lösung der „Kurdenfrage“ glauben inzwischen nur noch die wenigsten. Dieser Krieg dauert auch nach dem Wahlsieg der Regierungspartei AKP am 1. November 2015 an – bis heute.

Über das Jahr 2015 habe ich die Entwicklungen in der Türkei verfolgt und für das deutschsprachige Publikum dargestellt und kommentiert. Eine breitere Leserschaft erreichte ich mit den Artikeln für „Neues Deutschland“ – später kamen noch Texte für „Jungle World“ und „Vice“ dazu, mit jeweils einem sehr unterschiedlichen Empfängerkreis. Nach dem Erscheinen meines Sammelbandes „Kampf um Kobane“ im September 2015 war für das Schreiben kaum noch Zeit übrig. Die Nachfrage nach Wissen über die Konflikte in der Region war riesig und hatte zur Folge, dass zwischen September und Dezember 2015 über 40 Buchvorstellungen und Vorträge zustande kamen. Bei diesen Veranstaltungen diskutierte ich mit vielen sehr unterschiedlichen Menschen in fast allen Regionen Deutschlands über die Lage in der Türkei, die Situation in Rojava und die Gründe, warum Menschen aus Syrien fliehen – und über vieles mehr. Mit der weiteren Eskalation des Krieges in der Türkei und der Ankunft der syrischen Flüchtlinge über die Türkei nach Europa, wuchs das Interesse der deutschen Öffentlichkeit an den Geschehnissen dort. Aufgrund der kontinuierlichen Türkei-Berichterstattung über „Neues Deutschland“ und Twitter wurde ich von größeren Medien interviewt, u.a. von ZDF, WDR, arte, RTL und Deutschlandfunk. Die letzten Wochen und Monate von 2015 waren sehr kräftezehrend und die zunehmend düstere Lage in der Türkei raubte mir die letzten Hoffnungen darauf, dass meine journalistische Arbeit in Deutschland überhaupt einen Einfluss auf die Geschehnisse dort haben könnte. Aber das Schweigen kann ich nicht akzeptieren und Kapitulieren vor den Fürsprechern der Gewalt kommt ebenfalls nicht in Frage.

Oder wie Ece Temelkuran es knapp und schön formulierte: „Hoffnung habe ich nicht, aber Trotz“.

WDR5-Interview: „Zehntausende fliehen aus Kurdengebieten“

Zehntausende Menschen sind offenbar vor Kämpfen zwischen Armee und kurdischen Rebellen auf der Flucht. Endgültiges Aus für den Friedensprozess der Zentralregierung mit den Kurden? Fragen an Ismail Küpeli, Politikwissenschaftler und Journalist.

WDR5-Interview: „Zehntausende fliehen aus Kurdengebieten“ (24. Dezember 2015)