Jahresrückblick 2015

Nach der Rückkehr aus Portugal nach Deutschland im Sommer 2014 fing ich verstärkt an, mich mit Rojava zu beschäftigen. Mit dem IS-Angriff auf Kobane im September 2014 begann ich, die Meldungen über das Geschehen dort zu übersetzen, einzuordnen und die Informationen über Twitter für das deutschsprachige Publikum bereitzustellen. Nicht zuletzt durch die Rolle der Türkei für den gesamten Konflikt gerieten auch die Ereignisse innerhalb der Türkei selbst stärker in meinen Blick.

Das für mich wichtigste Ereignis in den ersten Monaten des Jahres 2015 war die große Protestwelle gegen Gewalt an Frauen nach dem Mord an Özgecan Aslan am 11. Februar. Es schien, als würde der Geist der Gezi-Proteste noch einmal aufleben und Morde an Frauen nicht mehr einfach so hingenommen. Kurz danach meldete sich die finstere Realität der Türkei wieder zurück. Die AKP-Regierung beschloss gegen alle Widerstände neue Sicherheitsgesetze, die jeglichen Protest auf der Straße repressiv bekämpfen lassen. Auch der fragile und schwerfällige „Friedensprozess“ mit der kurdischen PKK wurde seitens der Regierung immer mehr zurückgefahren und drohte schon damals zu scheitern. Die AKP-Regierung trat zunehmend autoritär auf – so wurden etwa die 1. Mai-Veranstaltungen in Istanbul durch massive Polizeirepression unmöglich gemacht. Auch im Vorfeld der Parlamentswahlen am 7. Juni wurde der neue Kurs der Türkei sichtbar, als es zu hunderten von Angriffen gegen die linke HDP kam. Trotz dieser Angriffe schaffte es die HDP, die Wahlhürde von 10% zu überwinden, und sorgte so dafür, dass die AKP ihre alleinige Mehrheit im Parlament verlor. Zum ersten Mal seit ihrem Machtantritt 2002 konnte die AKP nicht mehr alleine regieren. Viele hofften damals, dass mit der HDP eine Fürsprecherin einer friedlichen Lösung der „Kurdenfrage“ im Parlament säße, der Friedensprozess endlich vorankäme. Stattdessen setzte – zum Erschrecken vieler – die Regierungspartei AKP auf Eskalation der innenpolitischen Situation und auf eine Herbeiführung von Neuwahlen. Mit dem Anschlag von Suruç am 20. Juli starb der Friedensprozess durch Racheaktionen der PKK und durch darauf folgende türkische Luftangriffe auf PKK-Stellungen im Nordirak. In den folgenden Wochen entwickelte sich daraufhin ein Krieg, der auch immer stärker die kurdischen Gebiete der Türkei umfasste. Die türkische Armee setzte bei den Angriffen auf die kurdischen Städte Cizre, Silopi, Silvan u.v.a. Panzer und Artillerie ein. Viele Zivilisten starben, sei es durch die Militärangriffe selbst oder aufgrund der Ausgangssperren, die dazu führten, dass die medizinische Versorgung nicht mehr sichergestellt werden konnte. Während in den östlichen Landesteilen ein offener Krieg herrschte, wurde im gesamten Land die Opposition repressiv bekämpft. OppositionspolitikerInnen und kritische JournalistInnen wurden festgenommen, Medien zensiert oder gleich ausgeschaltet. Der Krieg vertiefte auch die ethnische Spaltung des Landes, nicht zuletzt weil die westtürkische Öffentlichkeit sich eher indifferent gegenüber den kurdischen Kriegsopfern zeigte. Die Hoffnungen des 7. Juni waren verflogen und an die Möglichkeit einer friedlichen Lösung der „Kurdenfrage“ glauben inzwischen nur noch die wenigsten. Dieser Krieg dauert auch nach dem Wahlsieg der Regierungspartei AKP am 1. November 2015 an – bis heute.

Über das Jahr 2015 habe ich die Entwicklungen in der Türkei verfolgt und für das deutschsprachige Publikum dargestellt und kommentiert. Eine breitere Leserschaft erreichte ich mit den Artikeln für „Neues Deutschland“ – später kamen noch Texte für „Jungle World“ und „Vice“ dazu, mit jeweils einem sehr unterschiedlichen Empfängerkreis. Nach dem Erscheinen meines Sammelbandes „Kampf um Kobane“ im September 2015 war für das Schreiben kaum noch Zeit übrig. Die Nachfrage nach Wissen über die Konflikte in der Region war riesig und hatte zur Folge, dass zwischen September und Dezember 2015 über 40 Buchvorstellungen und Vorträge zustande kamen. Bei diesen Veranstaltungen diskutierte ich mit vielen sehr unterschiedlichen Menschen in fast allen Regionen Deutschlands über die Lage in der Türkei, die Situation in Rojava und die Gründe, warum Menschen aus Syrien fliehen – und über vieles mehr. Mit der weiteren Eskalation des Krieges in der Türkei und der Ankunft der syrischen Flüchtlinge über die Türkei nach Europa, wuchs das Interesse der deutschen Öffentlichkeit an den Geschehnissen dort. Aufgrund der kontinuierlichen Türkei-Berichterstattung über „Neues Deutschland“ und Twitter wurde ich von größeren Medien interviewt, u.a. von ZDF, WDR, arte, RTL und Deutschlandfunk. Die letzten Wochen und Monate von 2015 waren sehr kräftezehrend und die zunehmend düstere Lage in der Türkei raubte mir die letzten Hoffnungen darauf, dass meine journalistische Arbeit in Deutschland überhaupt einen Einfluss auf die Geschehnisse dort haben könnte. Aber das Schweigen kann ich nicht akzeptieren und Kapitulieren vor den Fürsprechern der Gewalt kommt ebenfalls nicht in Frage.

Oder wie Ece Temelkuran es knapp und schön formulierte: „Hoffnung habe ich nicht, aber Trotz“.