Archiv der Kategorie 'Rezensionen'

Rezension: Ordnung und Gewalt (Plaggenborg 2012)

Stefan Plaggenborg (2012): Ordnung und Gewalt. Kemalismus – Faschismus – Sozialismus

Die Türkei erlebt seit einigen Jahren eine zunehmende politische Bedeutung, angetrieben nicht zuletzt durch eine ökonomische Wachstumsphase. Dies korrespondiert mit einer intensiveren Beschäftigung mit der Geschichte und Gegenwart des Landes in Europa. Während etwa der Kemalismus, die lange vorherrschende Staatsideologie in der Türkei, bis dahin eher ein Thema für Türkei-ExpertInnen war, hat sich dies in den letzten Jahren geändert. Statt einer isolierten Betrachtung gewinnen vergleichende und kategorisierende Zugänge an Bedeutung, bei denen die türkische Geschichte in eine europäische Geschichte eingebettet wird.

Auf den ersten Blick scheint sich die Publikation Stefan Plaggenborgs, einem Professor für sowjetische und russische Geschichte, hier einzureihen. Angestrebt wird ein Vergleich zwischen Kemalismus, italienischem Faschismus und Bolschewismus beziehungsweise Stalinismus.

Weiterlesen bei kritisch-lesen

Rezension: Portugal (Pedrosa, 2012)

Cyril Pedrosa (2012): Portugal. Reprodukt, Berlin, 261 S.

Cyril Pedrosa zeichnet in seinem Comicroman „Portugal“ eine Geschichte über die Suche nach einem „besseren Leben“. Es ist eine Erzählung über die Unzufriedenheit mit dem Arbeits- und Alltagstrott und über die Brüchigkeit und Widersprüchlichkeit der Migrationsbiographien. Möglicherweise werden manche LeserInnen skeptisch sein, ob eine solche Geschichte im Comicformat erzählbar ist: „Portugal“ dürfte die meisten überzeugen.

Die Hauptfigur ist Simon, ein Comiczeichner, der die Kraft zum Zeichnen verloren hat und in einer französischen Stadt lethargisch von einem Tag zum nächsten lebt. Die Zeit überbrückt er mit Zeichenkursen, bis er eine Einladung zu einer Literaturmesse in Portugal bekommt – das Land seiner Großeltern. Dabei sind die Kindheitserinnerung an Portugal keineswegs romantisch, eher prägen lange Autofahrten mit genervten Eltern und Streitigkeiten innerhalb der Familie das Bild. Der erneute Portugalbesuch, diesmal als Erwachsener, löst eine stärkere Beschäftigung mit der eigenen Geschichte aus – und damit auch mit der Geschichte der portugiesischen MigrantInnen in Frankreich. Was bedeutet Herkunft? Wohin „gehört“ man? Kann es überhaupt so etwas wie „Heimat“ geben, und wenn ja, was bedeutet dies? Pedrosa setzt sich intensiv mit Sprache auseinander und skizziert wie durch Sprache Differenz und Gemeinsamkeit entstehen. Simons Versuche, sich mit wenigen portugiesischen Wörtern und mit Gestik und Mimik zu verständigen, machen sichtbar, dass wir mit vielen Wörtern und komplizierten Sätzen oft sehr wenig zu sagen haben. Daneben geht es um die Familie als sozialen Ort mit all seinen Widersprüchlichkeiten, um Eltern, die selbst oft nicht wissen, was sie tun sollen, um Kinder, die in den alltäglichen Konflikten der Erwachsenenwelt an den Rand gedrängt werden.

Lobenswert ist der Verzicht des Autors auf einfache Sentimentalitäten und Romantisierungen. Die Figuren werden empathisch skizziert, ohne auszublenden, dass Menschen aneinander Verletzungen zufügen – gewollt oder nicht. Weder das Portugal der Großeltern noch die eigene Familie in Frankreich eignen sich als (nostalgische) Oasen. Die Akteure kämpfen mit ihren Lebenssorgen und suchen nach einem „guten Leben“. Einfache Auswege sind nicht zu sehen, lediglich Versuche, die vielfach scheitern. Es wäre aber falsch, dies als „man kann ja eh nichts machen“ und als Aufforderung, sich mit seinen Schicksal abzugeben zu verstehen. Ganz im Gegenteil: Die sozialen Einengungen zu spüren und sich damit auseinander zu setzen, dient dazu, sie möglicherweise überwinden zu können. Die gesellschaftlichen und familiären Normen sichtbar zu machen, ermöglicht erst die Chance, über die eigenen Lebenswünsche nachzudenken.

Mit „Portugal“ ist eine interessante Erzählung gelungen und auf die LeserInnen wartet eine spannende Geschichte. Auch diejenigen, die möglicherweise bis jetzt mit Comics wenig anfangen können, werden nicht enttäuscht werden. Lediglich der sehr hohe Preis (39 Euro) dürfte ein wenig abschrecken. Hier wäre es zu wünschen, dass der Verlag eine günstigere Taschenbuch-Ausgabe herausbringt.

Erschienen in: Graswurzelrevolution (Nr. 371, September 2012)

Rezension: Der ethnische Dominanzanspruch des türkischen Nationalismus (Taş, 2012)

Savaş Taş (2012): Der ethnische Dominanzanspruch des türkischen Nationalismus. Westfälisches Dampfboot, Münster.

Taş analysiert den türkischen Nationalismus als Ideologie und dekonstruiert seine Komponenten. Dabei werden sowohl die historischen Ursprünge als auch die gegenwärtigen Tendenzen dargestellt.

Die deutschsprachige Debatte um den türkischen Nationalismus dreht sich mehrheitlich um die Re-Ethnisierungstendenzen der türkischen MigrantInnen in Deutschland. Dabei werden recht schnell Bilder von geschlossenen Parallelgesellschaften konstruiert, die von Nationalismus und religiösem Fundamentalismus geprägt seien. Es ist begrüßenswert, dass Taş keinen Beitrag zu dieser Debatte leistet, sondern die ideologischen Komponenten des türkischen Nationalismus analysiert. Auch eine weitere inhaltliche Sackgasse wird in dieser diskursanalytischen Dissertation vermieden: Während vielfach türkischer Nationalismus lediglich als eine „rechtsextreme“ Ideologie verstanden wird, bezieht Taş sowohl die staatstragende Fassung als auch die Variante, wie sie von der rechten Milliyetçi Hareket Partisi (MHP, „Partei der Nationalistischen Bewegung“) vertreten wird, in seine Analyse ein.

Weiterlesen bei kritisch-lesen.de

Rezension: Die Kurdenfrage im Kontext des Beitritts der Türkei zur Europäischen Union (N. Kesen, 2009)

Kesen spiegelt die kurdischen Debatten um eine demokratische Lösung der „Kurdenfrage“ und skizziert den Ansatz derjenigen Akteure, die in der Hoffnung auf politische Veränderungen in der Türkei auf die EU gesetzt haben und hier wiederholt enttäuscht werden mussten.

Die Europäische Union (EU) steckt gegenwärtig in ihrer tiefsten Krise und es ist ungewiss, ob sie in ihrer jetzigen Form bestehen wird. Die Krise führt auch teilweise zu einer Entwertung der bisherigen politikwissenschaftlichen Literatur, die von Prämissen ausging, die inzwischen wenig Gültigkeit beanspruchen können. So ging etwa die These von der „Europäisierung“ davon aus, dass die Nähe zur EU mit Demokratisierung und ökonomischem Erfolg gleichzusetzen sei. Auch wurde angenommen, dass Staaten bereit wären, ihre politischen und ökonomischen Strukturen grundlegend zu ändern, um als EU-Beitrittskandidaten anerkannt zu werden. Innerhalb weniger Jahre sind die Ansprüche wesentlich bescheidener geworden. Während bis vor kurzem von der „normativen Kraft“ der EU die Rede war, würde einigen Akteuren inzwischen der institutionelle Selbsterhalt bereits genügen. Insofern ist der Blick in eine politikwissenschaftliche Publikation von 2009 eine kleine Zeitreise.

Weiterlesen bei: kritisch-lesen.de

Rezension: Kurdische Zivilgesellschaft in der Türkei

Özcan Ayboga (2006): Kurdische Zivilgesellschaft in der Türkei. Peter Lang, Frankfurt a.M.

Es hätte eine spannende Untersuchung sein können. Gerade weil zu der Rolle der zivilgesellschaftlichen Organisationen in der Türkei wenig deutschsprachige Literatur existiert, wäre eine Analyse der kurdischen Zivilgesellschaft eine lohnenswerte Arbeit. Um der Gesamtbewertung vorzugreifen: Leider kann Ayboga eine solche Analyse nicht liefern.

Dabei müssen in einem ersten Schritt die formalen und strukturellen Schwächen der Arbeit skizziert werden, bevor eine politische Bewertung und Kritik formuliert werden kann. Eine grundsätzliche Schwierigkeit ist, dass es sich bei der Publikation um eine Magisterarbeit handelt, die offensichtlich weder gründlich lektoriert noch so überarbeitet wurde, dass sie für eine breitere Leserschaft zugänglich ist. Dass die Darlegung der Methodik etwa ein Drittel des Textumfangs in Anspruch nimmt, mag bei einer universitären Abschlussarbeit möglicherweise sinnvoll sein. Doch für das eigentliche Thema der Arbeit ist dieses Vorgehen nicht unbedingt erhellend. Vielfach fehlen Quellenhinweise, was gerade bei strittigen Behauptungen sehr problematisch ist. Beispiele hierfür sind ein einjähriger Aufstand, der sich 1990/1991 in der Stadt Nusaybin ereignet haben soll (S. 109) oder ein Massaker, das 1991 an Trauergästen in Diyarbakir (S. 116) verübt worden sein soll. In beiden Fällen werden keine Quellen genannt. Daneben gibt es leicht zu widerlegende Falschbehauptungen wie etwa die, dass bis 1987 keine Gewerkschaften in der Türkei existiert hätten (S. 126). Neben solchen Fällen fällt es kaum auf, dass die Begriffsdefinition von NGOs auf einem Artikel der Wochenzeitung Freitag (S. 27) basiert.
Möglicherweise ließe sich über manche Schwachstellen eher hinwegsehen, wenn die Behauptung stimmen würde, dass es sich bei dieser Publikation um eine „Pionierarbeit“ (S. 8) , so im Vorwort der zuständigen Professorin Melanie Tatur oder um eine „Pilotstudie“ (S. 15), so Ayboga selbst, handelt. Die Fragestellung des Autors fokussiert zwar explizit die kurdische Zivilgesellschaft in der Türkei, wobei der Autor feststellt, dass zu dieser engen Fragestellung keine deutschsprachige Literatur existiert. Aber weder in der Gesamtdarstellung noch in der eigenen empirischen Untersuchung (S. 123-158) beschränkt sich der Autor auf diese Fragestellung, sondern er beschäftigt sich mit der Zivilgesellschaft in der Türkei und zitiert dabei aus Literatur,
die sich explizit damit beschäftigt. Kurios wird es, wenn ausgiebig aus einer anderen Magisterarbeit über die „Zivilgesellschaft in der Türkei“, die nur zwei Jahre davor an der gleichen Universität geschrieben wurde, zitiert wird und gleichzeitig die Rede von „Pionierarbeit“ ist.

Die Schwächen und Mängel der Publikation erschweren eine politische Bewertung und Kritik. Hier soll nur beispielhaft ein kritischer Aspekt skizziert werden. Dies betrifft die Begriffsbestimmung von „Zivilgesellschaft“ und die Diskursanalyse der unterschiedlichen Bezüge auf diesen Begriff. Der Begriff „Zivilgesellschaft“ wird stark eingeengt auf die NGOs, wobei unklar bleibt, welche Beziehungen zwischen der Zivilgesellschaft und den sozialen Bewegungen bestehen. Ebenso bleibt unklar, ob Zivilgesellschaft schlussendlich als ein kollektiver Akteur zu verstehen ist, oder ob es ein Sammelbegriff für unterschiedliche Akteure ist, die auch politisch gegensätzlich agieren können. Bei der Besprechung der unterschiedlichen Bezüge auf „Zivilgesellschaft“ wird die vielfältige Debatte in der Türkei kaum skizziert. Knapp zwei Seiten insgesamt erhalten liberale, linke, islamische und kemalistisch/sozialdemokratische Debatten um Zivilgesellschaft – jeweils einen Absatz. Dabei wird auf jegliche Primärquellen verzichtet. Auf „kurdischer“ Seite werden lediglich die recht allgemeinen Thesen Abdullah Öcalans auf einer Seite wiedergegeben. Andere Stimmen kommen nicht zu Wort.

Weil die hier besprochene Veröffentlichung wenig lesenswert ist, taucht die Frage nach Alternativen für die deutschsprachigen LeserInnen, die sich für das Thema interessieren, auf. Wer wenige Monate warten kann, könnte einen Blick in „Das Ringen um die Zivilgesellschaft in der Türkei – Intellektuelle Diskurse, oppositionelle Gruppen und Soziale Bewegungen seit 1980“ (Anil Al-Rebholz) riskieren, das im Dezember
2012 im transcript Verlag erscheinen soll. Daneben ist „Staat und Zivilgesellschaft in der Türkei und im Osmanischen Reich“ (Gazi Caglar, 2000) erwähnenswert. Zwar sind einige der empirischen Abschnitte etwas veraltet, aber der theoretische Zugang und die historischen Kapitel sind immer noch lesenswert.

In: Gai Dao (Nr. 20, August 2012), S. 46-47.

Rezension: Hat die Zukunft eine Wirtschaft?

Norbert Nicoll: Hat die Zukunft eine Wirtschaft? Das Ende des Wachstums und die kommenden Krisen. Unrast Verlag, Münster 2011.

Fallhöhen der Kapitalismuskritik

Eine Analyse der kommenden Krisen und der Grenzen des Wachstums – es klingt anspruchsvoll, was der Untertitel der Buches Hat die Zukunft eine Wirtschaft? für die folgenden 163 Seiten vorgibt. Eine solche Analyse wäre sinnvollerweise interdisziplinär angelegt und spräche politische, ökonomische, soziale und ökologische Aspekte an. Diese kaum zu vermeidende inhaltliche Breite wäre innerhalb des geringen Textumfangs nur mittels einer starken Fokussierung zu bewältigen. Dies entspricht auch dem Anspruch des Autors Norbert Nicoll, »Schneisen in das Dickicht der Informationsflut zu schlagen«.

Weiterlesen: https://www.iz3w.org/zeitschrift/ausgaben/331_restitution/rez5

Erschienen in: iz3w (Nr. 331, Juli/August 2012), S. 48.

Rezension: Migration und Türkei – Neue Bewegungen am Rande der Europäischen Union

Barbara Pusch / Tekin Uğur (Hrsg.) (2011): Migration und Türkei. Neue Bewegungen am Rande der Europäischen Union. Ergon Verlag, Würzburg.

Der Tagungsband spannt sich über eine Vielzahl von Themen, die sich in drei Kategorien zusammenfassen lassen: (1) allgemeinere Überlegungen zur Migration und Migrationspolitik, (2) türkische Migration nach Deutschland und (3) „Migration in den Transitstaat Türkei“ (S. 19). Die Herausgeber haben sowohl auf eine inhaltliche Einführung weitgehend verzichtet als auch auf eine Zusammenführung der einzelnen Beiträge, die so recht unvermittelt nebeneinander stehen.
Neben Beiträgen, die sich auf speziellere Aspekte beziehen, wie etwa auf den Ford-Streik in Köln 1973, versuchen drei Autoren größere Zusammenhänge darzustellen.
Einen historischen Überblick über die Migrationsbewegungen in Europa liefert Erol Yıldız, der deutlich macht, dass entgegen der Zerrbilder von „Flüchtlingsstürmen“ das Ausmaß der Migration kaum gestiegen ist. Allerdings gibt es deutliche Verschiebungen darin, wer auswandert und wie die Migranten in den Ankunftsgesellschaften aufgenommen werden. Im 19. und 20. Jahrhundert gab es zum einen massive Migrationsbewegungen innerhalb Europas und viele Europäer migrierten nach Nord- und Südamerika. Diese europäischen Migranten (sowohl innerhalb Europas als auch in Amerika) wurden gesellschaftlich wesentlich stärker integriert und waren rechtlich stärker abgesichert als diejenigen Migranten, die heutzutage versuchen, nach Europa zu gelangen.
Mit der Politik der europäischen Staaten und der Europäischen Union befasst sich der Aufsatz von Gerda Heck. Sie legt dar, dass die Außen- und Migrationspolitik dazu dient, Migrationsbewegungen zu bekämpfen und Migranten auszuschließen. Es wurden und werden zahlreiche Methoden und Konzepte entwickelt, die alle dieses Ziel verfolgen. Für Deutschland erwähnenswert ist etwa das Prinzip des „ersten Asyllandes“ im Schengen-Raum, wonach Flüchtlinge nur in dem Schengen-Land einen Asylantrag stellen können, in das sie zuerst eingereist sind. Wenn ihr Asylantrag abgelehnt wird, gilt diese Ablehnung für alle Schengen-Staaten. Weil alle Nachbarstaaten Deutschlands im Schengen-Raum sind, können nur noch die Flüchtlinge, die per Flugzeug einreisen, in Deutschland einen Asylantrag stellen. Dies ist allerdings nur für einen Bruchteil der Flüchtlinge möglich. Auch die Errichtung von Auffanglagern an den europäischen Außengrenzen und das „Abfangen“ von Flüchtlingsbooten im Mittelmeer dient dazu, „Flüchtlings- und Migrationsbewegungen bereits in den Herkunftsregionen außerhalb der Europäischen Union aufzuhalten“ (S. 65). Diejenigen, die es trotzdem schaffen nach Europa zu migrieren, erwartet vielfach die Illegalisierung und Entrechtung.
Barbara Pusch beschreibt in ihrem Aufsatz über „Irreguläre Migration in der Türkei“, wie die fehlende juristische Anerkennung nicht mit einem gesellschaftlichen und ökonomischen Ausschluss und einer Marginalisierung einhergehen muss. Migranten in der Türkei können „irregulär und trotzdem beruflich erfolgreich“ (S. 158) sein und auch ohne eine Aufenthaltserlaubnis im staatlichen Sektor (so etwa in den Hochschulen als Dozenten) arbeiten. Für die gesellschaftliche Inklusion kommt es eher darauf an, ob die Migranten eine hohe Qualifikation haben und ökonomisch erfolgreich sind.
Eine Gesamtbewertung kann für den Sammelband nicht gegeben werden. Neben gelungenen Beiträgen stehen Texte, die keinen großen Erkenntnisgewinn liefern oder thematisch so eng gefasst sind, dass eine Einordnung in größere Debatten erschwert wird. Die Publikation lohnt sich eher für diejenigen, die sich intensiv mit Migration und Migrationspolitik beschäftigen. Deutlich weniger eignet sie sich als Einführungs- und Überblicksliteratur.

Eine leicht geänderte Fassung erscheint in: DAVO Nachrichten 1/2012

Rezension: Menschenrechte in der Türkei

Kaygisiz, Hasan (2010): Menschenrechte in der Türkei, Eine Analyse der Beziehungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union von 1990-2005. Peter Lang: Frankfurt a.M., 430 S.

Die Dissertation von Hasan Kaygisiz erweckt durch den Publikationstitel hohe Erwartungen. Die Debatte um Menschen- und Minderheitsrechte in der Türkei ist ebenso vielschichtig und widersprüchlich wie die Frage der Beziehungen zwischen der Europäischen Union und der Türkei. Beide Aspekte wären bereits einzeln als Dissertationsprojekt anspruchsvoll, von einer sinnvollen Verknüpfung und Zusammenführung der beiden Themen ganz zu schweigen. Der Autor will analysieren, welche Rolle die Menschenrechtsfrage bei den Beziehungen zwischen der EU und der Türkei gespielt hat und den Prozess der Umsetzung der Menschenrechte im Zuge der Europäisierung der Türkei darstellen.
Das Inhaltsverzeichnis gibt erste Anzeichen dafür, dass diese Erwartungen nicht ganz erfüllt werden können. Gerade mal 15 Seiten beschäftigen sich mit der Menschenrechtsfrage, dazu kommen 29 Seiten über die „Geschichte und Problematik des kurdischen Volkes“ (wobei es hier hauptsächlich um die PKK geht). Die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei werden auf 40 Seiten abgehandelt. Auf den übrigen 345 Seiten Text werden viele andere Aspekte angeschnitten, die aber für den eigentlichen Untersuchungsgegenstand nicht immer erhellend sind.
Ebenso ist es irritierend, dass der Autor die Publikation auch damit begründet, die „Theoriearmut [in] der wissenschaftlichen Debatte“ (S. 31) überwinden zu wollen, um dann auf 12 Seiten vier Theoriestränge zu skizzieren. Neben dem völlig unzureichenden Umfang dieser Darstellung – so erhalten neogramscianische Ansätze eine (!) Textseite – fällt bei der weiteren Lektüre der Dissertation auf, dass der Autor sich kaum noch auf diese Theorieansätze bezieht. Lediglich das Konzept des Vetospielers wird manchmal aufgeführt, aber weniger als analytisches Mittel sondern mit einer despektierlichen Konnotation.
So werfen bereits die grundsätzliche Konzeption, die theoretische Umrahmung und der geringe Textumfang, der dem eigentlichen Untersuchungsgegenstand gewährt wird, die Frage auf, ob die vom Autor geweckten Erwartungen erfüllt werden und was der wissenschaftliche Mehrwert dieser Dissertation ist.
Die anschließende Frage wäre, ob zumindest die empirischen Teile der Studie einen Erkenntnisgewinn liefern. Die Einbeziehung der türkischsprachigen Literatur liefert für die deutschsprachige Leserschaft einen gewissen Mehrwert. Daneben werden vier Experteninterviews aufgeführt, die aber lediglich beiläufig in wenigen Fußnoten erwähnt werden und keine herausragende Bedeutung erhalten.
Die Möglichkeit, aus der Dissertation Erkenntnisse zu schöpfen, wird grundsätzlich dadurch erschwert, dass der Autor vielfach zu Pauschalurteilen neigt, die weniger auf einer empirischen Beweisführung beruhen als vielmehr auf Anekdoten. Wenn der Autor sich dann zudem selbst widerspricht – teilweise innerhalb von wenigen Seiten – ist es für den Leser sehr schwierig, die sinnvollen Argumente herauszufiltern.
Hier ein Beispiel: „Jede [sic!] politische Bewegung im Lande [Türkei] wurde niedergeschlagen“ (S. 71) oder: „Jede politische und ethnische Emanzipationsbewegung […] wurde mit unerhörter [sic!] Brutalität niedergeschlagen“ (S. 87). Im Widerspruch hierzu wird ab S. 103 die politische Entwicklung der Türkei skizziert – einschließlich der Darstellung der politischen Opposition sowie der Nennung von Wahlen und Regierungswechseln. Außerdem erwähnt der Autor, dass die „Bevölkerung […] ihre Wahlentscheidung nicht vom Militär diktieren lässt“, um dann direkt anschließend zu behaupten, dass alle „politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen […] allein vom Militär entschieden“ (S. 110) wurden.
Noch problematischer sind falsche Übersetzungen von türkischsprachigen Zitaten (S. 114, Fußnote 478) und offensichtliche Falschbehauptungen, wie etwa die, dass es „keine politische Partei [gibt], die sich im türkischen Parlament aktiv gegen die Menschenrechtsverletzungen im Lande engagiert“ (S. 114). Als Gegenbeispiel würde der Hinweis die prokurdische DTP und die BDP genügen.
Eine Leseempfehlung kann hier nicht gegeben werden. Ausreichend informierte Leser können die Publikation nach Fakten und sinnvollen Argumenten durchforsten und werden manchmal fündig, wobei der hohe Buchpreis (71,80 Euro) hier abschrecken könnte – zumal der Erkenntnisgewinn recht spärlich ausfällt. Als Einführungs- und Überblickliteratur für eine interessierte Leserschaft eignet sich das Buch ebenso wenig, wie als wissenschaftliche Studie.

Eine leicht geänderte Fassung erscheint in: DAVO Nachrichten 1/2012

Rezension: Die Mikrofinanz-Industrie

Gerhard Klas 2011: Die Mikrofinanz-Industrie. Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut. Assoziation A, Berlin/Hamburg.

Mikrokredite tragen zum Wirtschaftswachstum und zur Armutsreduktion bei, ohne die staatlichen Haushalte zu belasten – und würden noch zusätzlich Frauen und sozial Benachteiligten zur Selbstermächtigung verhelfen. Dieses schöne Bild wird durch das Buch „Die Mikrofinanz-Industrie“ von Gerhard Klas getrübt.

[…]

Es ist ein sehr lesenswertes Buch und der journalistische Schreibstil ermöglicht auch eine gute Lesbarkeit. Wer eine stärker wissenschaftliche Auseinandersetzung sucht, findet genug Quellenhinweise hierfür. Der Autor positioniert sich politisch eindeutig, ohne in Polemik zu verfallen. Sehr positiv ist auch die Kontextualisierung des Themas, die deutlich macht, dass es hier nicht um einen Aspekt für EntwicklungspolitikspezialistInnen geht, sondern um ein Thema, das das Leben von vielen Menschen elementar berührt.

Weiterlesen bei kritisch-lesen.de

Rezension: Rassismus in der Leistungsgesellschaft

Die Tatsache, dass ein ehemaliger Berliner Senator mit absurden Thesen über die Gene von Juden und Basken einen Sachbuch-Bestseller landen konnte und dass Rassismus in Deutschland nicht erkannt wird, wenn das Wort „Rasse“ durch „Ethnie“ oder „Kultur“ ersetzt wird, war für viele Linke ein Schock. Auch diejenigen, die davon ausgehen, dass rassistische Denkmuster in Deutschland mehrheitsfähig sind, waren von der Heftigkeit der „Sarrazin-Debatte“ überrascht. Nach einem kurzen Moment des Taumelns wurden verschiedene Gegenstimmen hörbar. Während einige versucht haben, auf die bürgerlich-demokratischen Mindestnormen zu verweisen (so etwa dass eine Diskriminierung aufgrund von Religion und Herkunft nicht hinnehmbar ist), machten sich andere daran, die vermeintlich wissenschaftliche Argumentation hinter der Rede über „türkische Inzuchtclans“ auseinanderzunehmen. Es entstand eine ganze Reihe von Artikeln, Kommentaren, Aufsätzen und Büchern aus sehr unterschiedlichen Perspektiven und von unterschiedlicher Qualität, die in ihrer Gesamtheit viele Argumente lieferten, wie absurd und falsch die Thesen von Sarrazin sind.

Diese Phase ist weitgehend abgeschlossen. Wer nach der ganzen Debatte immer noch der Meinung ist, dass es naives „Gutmenschlertum“ ist, Sarrazin nicht recht zu geben, da würden wahrscheinlich weitere Argumente auch kein Umdenken herbeiführen. Nötig wäre jetzt eine Beschäftigung mit der Sarrazin-Debatte als „diskursives Ereignis“, also die Fragen danach, auf welche Denk- und Deutungsmuster hier zurückgegriffen werden konnte und welche politischen und gesellschaftlichen Modelle in dieser Debatte forciert wurden. Einen wichtigen Beitrag hierzu leistet der Sammelband „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“.

Die 14 Beiträge gruppieren sich unter den Kapiteln „Migration und Rassismus“, „Bevölkerungs- und Biopolitik“, „Kapital und Nation“ und „Interventionen und Perspektiven“. Der inhaltliche Mehrwert und die Lesbarkeit der einzelnen Beiträge schwanken, was für einen Sammelband recht typisch ist. Sehr gut gelungen ist das einleitende Kapitel des Herausgebers, in dem auf 32 Seiten die grundlegenden Thesen und Argumente aufgeschlüsselt werden. Die Verbindungen zwischen der Sarrazin-Debatte und den neoliberalen Gesellschaftsvorstellungen, die solche Debatten forcieren, werden im lesenswerten Beitrag „Zwischen neoliberaler Standortlogik und rechtspopulistischem Sarrazynismus“ von Christoph Butterwegge aufgezeigt. Wie in anderen Beiträgen deutlich sichtbar wird, richtet sich das Buch eher an eine akademische Leserschaft – ohne Kenntnis soziologischer Termini sind einige Texte nicht verständlich. Die analytische und eher akademische Schwerpunktsetzung zeigt sich auch daran, dass das letzte Kapitel „Interventionen und Perspektiven“ am kürzesten ausfällt und praxisnahe Ideen und Vorschläge weitgehend ausbleiben.

Das Buch ist insgesamt lesenswert, wenn auch die Sprache teilweise unnötig kompliziert ist. Denn die Stärke der Publikation liegt in der wissenschaftlichen Analyse und Kritik und so ist der qualitative Unterschied zu vielen anderen Veröffentlichungen im Zuge der Sarrazin-Debatte deutlich.

Sebastian Friedrich (Hg.) (2011): Rassismus in der Leistungsgesellschaft. edition assemblage, Münster.


Eine kürzere Fassung erscheint in: analyse&kritik, Februar 2012.