Archiv der Kategorie 'Rezensionen'

Rezension: Frankreich in Afrika – Eine (Neo)Kolonialmacht in der Europäischen Union zu Anfang des 21. Jahrhundert

Bernhard Schmid beschreibt das französische System der Sonderbeziehungen zu afrikanischen Staaten („Françafrique“), das eine tiefgehende Einmischung in die politischen und ökonomischen Fragen der afrikanischen Länder beinhaltet.

Als ab den 1950er Jahren afrikanische Staaten ihre Unabhängigkeit erklärten, bedeutete dies keineswegs, dass damit eine vollständige Souveränität erreicht worden war. Ehemalige Kolonialmächte wie etwa Frankreich und die neuen Weltmächte USA und Sowjetunion deklarierten jeweils Interessensphären und knüpften die neuen Staaten in vielfältige Abhängigkeitsverhältnisse ein. Diese Strukturen wirken auch nach dem Ende des Kalten Krieges und des Zusammenbruchs der Sowjetunion weiter.

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Rezension: Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland

Der Kampf gegen die Prekarisierung der Lebensverhältnisse und die Fragen danach, wie sich soziale Unzufriedenheit und Opposition organisieren lassen und inwieweit ein „gutes Leben“ hier und heute möglich ist, sind nicht erst heute zu beobachten. Es gibt eine Geschichte der Kämpfe und Organisierungsversuche, auf die sich die heutige Linke (als Bewegung) beziehen kann und sollte.

Allerdings scheint die frühe Geschichte der Arbeiterbewegung zunehmend nur noch für HistorikerInnen relevant zu sein. Gegenwärtige linke und klassenkämpferische AkteurInnen beziehen sich (wenn überhaupt) eher symbolisch auf die damaligen Kämpfe und Auseinandersetzungen. Mit dem Anspruch, hier Abhilfe zu schaffen, damit nicht „Erfahrungen der Vergangenheit in den politischen Auseinandersetzungen vergessen“ (S. 202) werden, erschien das Buch „Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland“. Es soll keine bloße Einführungslektüre für GeschichtsstudentInnen sein, sondern bereits gemachte Erfahrungen für die gegenwärtigen sozialen Kämpfe nutzbar machen.

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Buchrezension: PKK – Perspektiven des kurdischen Freiheitskampfes: Zwischen Selbstbestimmung, EU und Islam

Die gegenwärtigen Debatten um die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union haben zu einem wachsenden Interesse an der türkischen Innenpolitik geführt. In der Auseinandersetzung zwischen BefürworterInnen und GegnerInnen des EU-Beitrittes der Türkei spielt der Umgang des türkischen Staates mit ethnischen und religiösen Minderheiten eine zentrale Rolle. Der zentrale Konflikt dabei ist die „Kurdenfrage“, durch die die Türkische Republik seit ihrer Gründung geprägt ist

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Buchrezension: Islam, State, and Society in Independent Azerbaijan

Die Islamdebatte in Deutschland hat dazu geführt, dass in hoher Taktzahl Veröffentlichungen auf den Markt geworfen werden. Viele der Publikationen basieren weniger auf (originärer) wissenschaftlicher Forschung, sondern beschränken sich vielmehr auf das Reproduzieren von bereits bekanntem Basiswissen, Banalitäten und Halbwahrheiten.
Von dieser Debatte weitgehend unbeachtet (und unberührt) findet jedoch weiterhin geistes-, gesellschafts- und geschichtswissenschaftliche Forschung über Religion, Politik und Gesellschaft in den islamischen Ländern statt. Begrüßenswert ist dabei, dass inzwischen auch bisher relativ unterbelichtete Zusammenhänge und Kontexte erschlossen werden. Ein Beitrag hierzu ist die Dissertation von Rufat Sattarov, die im Jahr 2009 in einer überarbeitete und erweiterten Fassung erschienen ist. Es handelt sich um eine der wenigen Veröffentlichungen zum Islam in Aserbaidschan.

Zunächst wird die Frühgeschichte des Islams in Aserbaidschan skizziert. Bedeutend für die späteren Entwicklungen war die erzwungene Konversion von Sunniten zur Schia unter der Herrschaft der Sawafiden. So entstand eine Zusammensetzung der beiden Hauptrichtungen des Islams, die für Aserbaidschan bis heute charakteristisch ist. Die anschließende Herrschaft der russischen Zaren war von einem fehlgeschlagenen Konversionsversuch zum Christentum und der anschließenden Kooptierung der islamischen Gelehrten und die Regulierung des religiösen Lebens bestimmt. Die aufkommende protonationalistische Bewegung in Aserbaidschan richtete sich folgerichtig sowohl gegen die russische Herrschaft als auch gegen die traditionellen religiösen Autoritäten. Nach einer zweijährigen Intermezzo der Unabhängigkeit Aserbaidschans wurde das Land Teil der Sowjetunion. Unter der sowjetischen Herrschaft wurden die islamischen Institutionen zerschlagen und Moscheen zerstört. Der Islam überlebte diese Phase lediglich als kulturelle Tradition ohne feste Strukturen.

Erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Wiedererstarken des aserbaidschanischen Nationalismus Anfang der 1990er Jahre gewann der Islam als Teil der nationalen Identität eine stärkere Rolle in der Öffentlichkeit. Nach der Unabhängigkeit Aserbaidschans kam es zu intensiven Aktivitäten religiöser Gruppen und Einrichtungen aus der Türkei und dem Iran – nicht zuletzt, weil vergleichbare Institutionen in Aserbaidschan nicht existierten. Eine spefizische Religionspolitik seitens des aserbaidschanischen Staates war in diesen Jahren nicht erkennbar. Erst die wachsende Relevanz islamischer Organisationen ab Mitte de 1990er Jahre führte zu einem Wandel. Das autoritäre Regime unter Heydar Aliyev versuchte, das religiöse Leben stärker zu reglementieren. Dabei bekämpfte sie die langsam entstehende islamische Opposition und beendete die Aktivitäten islamischer Gruppen aus dem Ausland. Die Regierung bediente sich dabei auch des Anti-Terror-Diskurses, um ihre Repression als Kampf gegen den Islamismus zu tarnen. Gleichzeitig wurde eine staatliche Religionsbehörde aufgebaut und die ausländischen islamischen Geistliche durch regimetreue Aserbaidschaner ersetzt.

Diese Maßnahmen trugen mit dazu bei, dass sich ein „politischer Islam“ nicht etablieren konnte. Für alle relevanten Parteien spielt die Religion nur eine untergeordnete Rolle und der Islam wird lediglich als Teil der aserbaidschanischen Nationalkultur verstanden. Das Regime wacht darüber, dass dies so bleibt. Als bei den Präsidentschaftwahlen 2003 einige islamische Geistliche ihre Unterstützung für die Opposition erklärten, sorgte die staatliche Repression bei den nächsten Wahlen 2008 dafür, dass dies sich nicht wiederholte. Jegliche Ansätze einer oppositionellen Organisierung innerhalb der religiösen Gemeinden wird als Islamismus, Fundamentalismus und Terrorismus deklariert und bekämpft. Die zunehmende Relevanz der Religion für die Menschen in Aserbaidschan führt so nicht zu einer wachsenden politischen Rolle des Islams.

Fazit: Die Studie von Sattarov ist für alle, die sich für Aserbaidschan oder für die Rolle des Islams im postsowjetischen Raum interessieren, sehr zu empfehlen.

Sattarov, Rufat (2009): Islam, State, and Society in Independent Azerbaijan, Between Historical Legacy and Post-Soviet Reality with Special Reference to Baku and its Environs. Reichert: Wiesbaden, ISBN 978-3-89500-692-0

Eine leicht geänderte Fassung erscheint in: DAVO Nachrichten 2/2011

Rezension: Deutsche Opfer, sowjetische Täter

Detlef Brandes / Holm Sundhaussen / Stefan Troebst (Hg.) (2010): Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts.

Die deutsche Geschichtsschreibung ist vielfach von Ethnozentrismus geprägt – auch dann, wenn HistorikerInnen eine breitere Perspektive proklamieren. Eine Darstellung der Vertreibungen und Massaker wird zu einer Erzählung über deutsche Opfer und sowjetische Täter, einschließlich blinder Flecken und Leerstellen.

[Weiterlesen: www.kritisch-lesen.de/2011/06/deutsche-opfer-sowjetische-tater]

Erschien in: iz3w (Nr. 326, September/Oktober 2011)

Rezension: Islamfeindlichkeit in Deutschland

Die Existenz einer Feindschaft gegenüber Muslimen in Deutschland wird, spätestens seit der Sarrazin-Debatte immer weniger in Frage gestellt. Dieser Befund wird durch empirische Untersuchungen (etwa des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld) bestätigt, in denen die Akzeptanz antimuslimischer Ressentiments durch breite Bevölkerungsschichten in Deutschland und Europa nachgewiesen wurde.

Allerdings bleiben viele andere Aspekte nach wie vor umstritten. So ist die Frage nach der richtigen Begriffswahl in der deutschsprachigen Literatur noch ein Streitpunkt. Je nach Autor, Erkenntnisinteresse und politischer Ausrichtung wird etwa von Islamophobie, Islamfeindschaft oder antimuslimischem Rassismus gesprochen, um einige der Begriffe zu nennen (Dagegen hat sich in der englischsprachigen Debatte „Islamophobia“ gegenüber anderen Begriffen eindeutig durchgesetzt). Aber auch die gesellschaftliche Relevanz dieser Feindschaft und die Vergleichbarkeit zum Antisemitismus werden kontrovers debattiert.
Achim Bühl, ein Teilnehmer dieser Debatten, hat jetzt seine politische Positionierung in einem Buch veröffentlicht. [Weiterlesen auf www.kritisch-lesen.de]

Erschien in: iz3w (Nr. 325, Juli/August 2011).

„Ereignisse“ vom 6-7 September 1955

Die Schaffung und Konsolidierung von Nationalstaaten ist untrennbar mit der (gewaltsamen) Marginalisierung von Minderheiten verbunden. Die Grenzen zwischen der Nation und den „Anderen“ können ethnisch und/oder religiös begründet sein. Die Folgen solcher Grenzsetzungen gleichen sich vielfach und reichen von erzwungener Assimilation bis hin zur Vertreibungen und Genoziden.
Allerdings sind die Mitglieder einer Minderheit auch nach der Konsolidierung des Nationalstaates nicht sicher vor weiteren gewaltsamen Übergriffen. Auch eine umfangreiche Assimilation kann es nicht verhindern, dass sie nach wie vor als „anders“ und damit als nicht gleichberechtigt angesehen werden. Bei größeren politischen und sozialen Krisen müssen sie befürchten, Opfer von Pogromen zu werden – sei es, weil sie als Sündenböcke herhalten müssen oder weil sie oft die schwächsten und wehrlosesten Opfergruppen bilden.
Diejenigen Mitglieder der Minderheiten, die Pogrome überleben, sind (neben den körperlichen und psychischen Verletzungen) damit konfrontiert, dass das Erlebte totgeschwiegen und negiert wird.
Der Pogrom von Istanbul 1955 ist hier keine Ausnahme. Dies zeigt sich bereits daran, wie er in der Türkei genannt wird: Die „Ereignisse vom 6-7 September“. Auch diejenigen, die an die „Ereignisse“ erinnern wollen, müssen diese Sprechweise teilweise übernehmen – und sei es nur, um staatlicher Zensur zu entgehen. So konnte 2005 eine Fotoausstellung in Istanbul über die „Ereignisse“ eröffnet werden, die auf wissenschaftlicher Ebene von einer Studie von Dilek Güven gestützt wurde. Die Ausstellung wurde von türkischen Nationalisten gestürmt und teilweise zerstört – unter den Augen der Polizei. Auch die Entstehung der Studie selbst zeigt, dass das Erinnern schwierig ist. Das Buch basiert auf D. Güvens Dissertation, die sie an einer deutschen Universität schrieb und dann ins Türkische übersetzt wurde. Leider wurde die deutschsprachige Fassung nicht veröffentlicht und so bleibt für nicht-türkischsprachige Leser nur eine 14 seitige Zusammenfassung, die in der Publikation von 2005 enthalten ist.
Die Studie fällt in zwei Teile. Zuerst werden die „Ereignisse“ auf der Basis von Zeitzeugengeprächen, Zeitungsberichten und anderen Veröffentlichungen dargestellt. Dabei fällt auf, dass bereits die Angaben über der Zahl der Toten und Verletzten sowie der zerstörten und geplünderten Häuser, Kirchen und Geschäfte nicht sicher ermittelt werden können. Aber selbst die offiziellen türkischen Angaben sprechen von 11 Toten, mindestens 300 Verletzten und über 5000 beschädigten oder zerstörten Gebäuden. Die Angriffe waren gut vorbereitet und richteten sich mehrheitlich gegen „Griechen“, seien es griechische Staatsbürger oder griechischsprachige Bürger der Türkei. Es gab allerdings auch Angriffe gegen Armenier und Juden. Der Pogrom verstärkte die die Tendenz zur Auswanderung in den Minderheiten und in der Folgezeit verließen die meisten „Griechen“ Istanbul.
In diesen ersten Kapiteln wird der Verlauf der „Ereignisse“ solide und sicher dargestellt. Eine größere Relevanz erhält die Studie durch die hervorragende Kontextualisierung der „Ereignisse“ in die ethnische Homogenisierungspolitik des türkischen Staates. Auch wenn der unmittelbare zeitliche Kontext die Auseinandersetzungen zwischen der Türkei, Griechenland und Großbritannien über die politische Zukunft Zyperns war (Türkei und Griechenland agierten als Fürsprecher der „Türken“ und „Griechen“ in Zypern), lässt sich der Pogrom in Istanbul als Teil einer Politik der türkischen Staates verstehen, die seit der Gründung der Republik 1923 darauf zielte, ethnische und religiöse Minderheiten zu vertreiben. Schon im ersten Jahr des neuen Staates wurden etwa 1,5 Millionen Menschen griechisch-orthodoxen Glaubens aus der Türkei vertrieben. Ab 1924 wurden durch staatliche Verordnungen Nicht-Muslime sukzessiv aus vielen Berufsgruppen verdrängt. Die Diskriminierung und Ausgrenzung führte auch jenseits von Vertreibungen und Pogromen dazu, dass Menschen aus den Minderheiten die Türkei verließen. Allerdings gab es immer wieder größere Auswanderungswellen, so etwa 1934 nach den antijüdischen Pogromen in Thrakien und 1942 nach einer Vermögenssteuer („Varlık Vergisi“), die faktisch zu einer Enteignung von Nicht-Muslimen führte. Güven macht deutlich, dass der Pogrom von 1955 kein Einzelereignis ist und auch kein unvorhersehbarer Ausbruch seitens eines Mobs, sondern die tödliche Konsequenz einer staatlichen Homogenisierungspolitik.
Eine deutschsprachige Veröffentlichung der Studie wäre sehr wünschenswert. Neben der hervorragenden Arbeit von C. Guttstadt über das Schicksal der jüdischen Minderheit in der Türkei wäre die Studie von D. Güven eine sehr gute Ergänzung, insbesondere weil hier die Politik des türkischen Staates in den 1950er und 1960er Jahre analysiert wird.

Ismail Küpeli

Dilek Güven: 6-7 Eylül Olayları. Tarih Vakfı, Istanbul 2005.

Rezension: Die dunkle Seite der Demokratie

Der Titel erzeugt hohe Erwartungen und der Autor verspricht viel: Die These, dass die Entstehung von Demokratie und Gewalt gegen ethnische Minderheiten zusammenhängen, soll theoretisch beschrieben und empirisch belegt werden. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis weckt erste Irritationen: Etwa ein Drittel der 781 Seiten beschäftigt sich mit dem nationalsozialistischen Genozid an den Juden. Dabei war das NS-Regime weder demokratisch noch lässt sich das Zeitraum zwischen 1933 und 1945 als ein Demokratisierungsprozess verstehen. Warum der Holocaust hier behandelt wird, und dazu noch in einer solchen Breite, bleibt offen.
Doch zurück zum Text: Die grundlegende Überlegung ist, dass in der Demokratie als „Volksherrschaft“ und als Herrschaft der Mehrheit auch die Option der gewaltsamen Homogenisierung der Staatsbevölkerung angelegt ist. Oder wie Michael Mann es ausdrückt: Wenn Demokratie als Herrschaft des „demos“, d.h. der einfachen Bevölkerung, mit der Herrschaft eines „ethnos“, d.h. einer ethnischen Gruppe, zusammenfällt: Was soll dann mit denjenigen geschehen, die nicht zu dieser ethnisch definierten Gruppe gehören?
Hier wird ein breites Spektrum an möglichen staatlichen Maßnahmen skizziert. Es reicht von föderalistischen Modellen, in denen die ethnische Minderheiten soziale und kulturelle Rechte erhalten, bis hin zum Genozid, d.h. der gewaltsamen Auslöschung der Minderheit.
Dabei schließt sich Mann (eher implizit) der „funktionalistischen“ Schule innerhalb der Genozidforschung an, wenn er davon ausgeht, dass die politischen Strategen von staatlichen Gewaltpolitiken nicht von Anfang an auf die gewaltsame Auslöschung der Minderheit setzen, sondern lediglich auf Unterdrückung und/oder Vertreibung zielen und erst wenn dies scheitert auf Völkermord zurückgreifen. Allerdings ist diese Position für einige Fälle, die im Buch dargestellt werden, durchaus umstritten: Sowohl beim Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich (1915) als auch beim Holocaust lassen sich eindeutige Aussagen finden, die deutlich machen, dass die politischen Eliten sich recht früh auf die Vernichtung der Opfergruppen festgelegt hatten.
Die Einbeziehung dieser beiden Fälle erzeugt ein weiteres Problem: Mann geht davon aus, dass ethnische Säuberungen darauf zurückzuführen sind, dass zwei Ethnien sich um die Staatsmacht streiten und dabei die dominante Ethnie auf Massenmord zurückgreift, um ihre Macht zu erhalten. Oder anders gesagt: Der Genozid wird auf einen realen Konflikt um die Macht im Staat zurückgeführt. Von einem solchen Konflikt kann aber beim Holocaust nicht die Rede sein. Dies gilt auch für das Osmanische Reich: Die Armenier waren keine Bedrohung für das Regime. Die armenische Minderheit galt vielmehr als sehr regimeloyal. Mann versucht diesen Widerspruch zu lösen, indem er der NS-Führung unterstellt, sie hätte tatsächlich geglaubt von einer jüdischen Weltverschwörung bedroht zu sein. Im Falle des Osmanischen Reichs übernimmt er teilweise die Position des türkischen Staates, die ebenfalls statt Genozid von „tragischen Ereignissen“ im Kontext der Kämpfe zwischen türkischen Soldaten und armenischen Rebellen spricht.
Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, diese beiden Fälle, die nicht recht in das Erklärungsmodell von Mann passen, außen vor zu lassen. Die Kapitel über die theoretischen Zusammenhänge von Demokratie und Gewalt gegen ethnische Minderheiten sind dagegen sehr erkenntnisbringend, ebenso wie die Analyse der „Siedlerdemokratien“ in Nordamerika und Australien. Hier zeigt sich der Erklärungsansatz von einer stärkeren Seite, wenn beschrieben wird, wie die „weißen“ Gesellschaften intern relativ demokratisch verfasst waren, gegenüber der „nicht-weißen“ Bevölkerung aber eine mörderische Politik verfolgten. Diese Vertreibung und Vernichtung der indigenen Bevölkerungen bildet dann die Grundlage für Gesellschaften, in der die „nicht-weißen“ Gruppen nur noch als „Minderheit“ existieren und von der „weißen“ Mehrheitsgesellschaft dominiert werden. Mann weist daraufhin, dass wenn diese eindeutige „weiße“ Dominanz gesichert ist, Konzepte wie „Multikulturalismus“ aufgegriffen werden, da jetzt die „weiße“ politische Dominanz nicht mehr von anderen ethnisch definierten Gruppen in Frage gestellt werden kann.
So wünscht man sich nach den ersten etwa 150 Seiten, dass diese Überlegungen fortgeführt werden. Stattdessen verschiebt sich der Fokus auf die beiden „spektakulären“ Fälle, die allerdings wenig erkenntnisbringend sind. Es bleibt ein zwiespältiges Bild.

Michael Mann: Die dunkle Seite der Demokratie – Eine Theorie der ethnischen Säuberung. Hamburger Edition, Hamburg 2007.

Ismail Küpeli

Von Istanbul nach Sobibor

Es gibt eine vergessene Generation türkischer MigrantInnen in Westeuropa. Ihre Geschichten beginnen im Osmanischen Reich und enden vielfach in den NS-Vernichtungslagern. Conny Guttstadt hat in einer beachtenswerten Studie die Stimmen der Opfer und die Dokumente der Archive zusammengetragen, um zu erklären, wie und warum es zum Mord an den türkischen Juden in Westeuropa kam und welche Rolle der türkische Staat dabei spielte. Im Folgenden sollen die Erkenntnisse aus dieser 516-seitige Studie dargestellt werden, weil das Wissen um diese Ereignisse kaum vorausgesetzt werden kann. Bisher hat eine wissenschaftliche Forschung kaum stattgefunden. Guttstadt leistet hier also Pionierarbeit.

Türkische Juden in Europa

Zuerst stellt sich die Frage, warum türkische Juden massenhaft die Türkei verließen und wanderten unter anderem nach Westeuropa aus? Die zahlreichen Kriege in der Endphase des Osmanischen Reichs (Balkankriege, 1. Weltkrieg) und der anschließende türkische „Befreiungskrieg“ (1919-1923), der mit zahlreichen Pogromen und Massenmorden an den Minderheiten einherging, sind wichtige Faktoren für die jüdische Auswanderung Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit der Entstehung der Türkischen Republik 1923 hofften die türkischen Juden, als gleichberechtigte türkische Staatsbürger in der neuen Republik leben zu können. Diese Hoffnungen waren jedoch schnell zerschlagen. Die kemalistische Staatsführung wollte aus dem „Überbleibsel“ des Osmanischen Reichs eine homogene türkische Nation bilden und verfolgte dazu eine aggressive Türkisierungspolitik. Für alle Minderheiten, so auch für die Juden, bedeutete dies die soziale und kulturelle Ausgrenzung, den Zwang zur Assimilierung und den ökonomischen Niedergang.

Echte Türken und Andere

Ein zentrales Konzept der Türkisierungspolitik war die Schaffung von unterschiedlichen Staatsbürgerschaftsmodellen: Während in der türkischen Verfassung alle türkischen Staatsbürger als gleichberechtigt deklariert wurden und eine ethnische oder religiöse Differenzierung ausbleibt, entstanden in staatlichen Bestimmungen und Anordnungen „unterhalb der Schwelle von Gesetzen“ (Guttstadt) eine Differenzierung zwischen türkischen Staatsbürgern (einschließlich der Minderheiten) und ethnisch und religiös definierten „echten“ Türken. Staatliche Anordnungen legten fest, dass in vielen Sektoren nur noch „echte“ Türken arbeiten durften, was dazu führte, dass türkische Juden (neben anderen Nichtmuslimen) entlassen wurden.
In den Schulen gingen die Bestimmungen wesentlich weiter: 1926 wurde angeordnet, dass die richtige „nationale Gesinnung“ nötig sei, um als Lehrer arbeiten zu dürfen. Die privaten Schulen der Minderheiten wurden umfassend unterminiert. So wurde einerseits ihre finanzielle Basis angegriffen, indem sie keine externe finanzielle Unterstützung erhalten durften und auch keine staatliche Unterstützung erhielten. Anderseits wurden die Ausgaben gesteigert, indem das türkische Erziehungsministerium die Höhe der Lehrergehälter an den privaten Schulen sehr hoch ansetzte. Schließlich wurde gemäß dem Laizismusgebot der konfessionelle Unterricht verboten. So schlossen nach und nach die meisten privaten Schulen der Minderheiten.
Ebenfalls eingeschränkt war die Bewegungsfreiheit für Nichtmuslime innerhalb der Türkei. So waren selbst für Reisen Genehmigungen erforderlich. Kritik an diesen Maßnahmen war verboten und wurde unterdrückt.
Die Situation spitzte sich in den 1930er Jahren weiter zu. Nach kurdischen Aufständen wurde mit dem „Ansiedlungsgesetz“ (1934) die Deportation und Umsiedlung von nicht-türkischen Bevölkerungsgruppen, hauptsächlich Kurden, beschlossen. Kurz nach dem Beschluss des Gesetzes kam es in Thrakien zu Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung mit dem Ziel, sie aus der Grenzregion zu vertreiben.
Die Türkisierungspolitik veranlasste in den 1920er und 1930er Jahre viele türkische Juden dazu auszuwandern. Von den zwischen 150.000 und 200.000 in der Türkei lebenden Juden verließ etwa die Hälfte das Land. 30.000 bis 50.000 von ihnen gingen nach Europa, wo Frankreich das wichtigste Zielland für türkische Juden war.

Autoritär, nationalistisch und NS-freundlich

Ab Mitte der 1930er Jahre verschärfte sich die nationalistische und autoritäre Politik der Türkei noch weiter. 1936 wurden die Gewerkschaften verboten, 1938 folgte das Verbot für Vereinigungen auf „ethnischer, religiöser oder klassenmäßiger Grundlage“. Damit waren faktisch alle politischen Organisationen, die nicht von der Staatspartei CHP kontrolliert waren, verboten. Der letzte große kurdische Aufstand wurde 1937-38 niedergeschlagen.
Während des Zweiten Weltkriegs verfolgte die Türkische Republik eine „einseitige Neutralität“ (Guttstadt). Die türkische Staatsführung spielte die beiden Kriegsparteien gegeneinander aus, um einerseits die Türkei aus dem Weltkrieg herauszuhalten und andererseits Kredite und Waffenlieferungen zu erhalten. Die Neutralität war insofern „einseitig“, da insgesamt eine deutschfreundliche Stimmung herrschte und der deutsche Krieg gegen die Sowjetunion begrüßt wurde. Das NS-Regime versuchte, diese Stimmung zu einer offenen Unterstützung ihrer Kriegsführung zu wandeln, indem sie auf panturkistische Tendenzen in der Türkei setzte. Die Türkei sollte gegen die Sowjetunion kämpfen und dafür türkisch besiedelte Gebiete in der Sowjetunion erhalten. Die türkische Staatsführung setzte jedoch auf die innenpolitische Konsolidierung ihrer Herrschaft und die Türkisierung der Bevölkerung innerhalb der Grenzen der Republik. Dagegen wurden die panturkistischen und turanistischen Ziele der Jungtürken, die auf Gebiete im Kaukasus und Zentralasien zielten, offiziell nicht verfolgt. So setzte die türkische Staatsführung die panturkistischen Gruppen als Mittel der Außenpolitik ein: Von 1941 bis 1944 wurden panturkistische Publikationen und Organisationen gefördert und ihre Kooperation mit dem NS-Regime zugelassen, um damit Vorteile bei den Verhandlungen mit dem Dritten Reich über Handel und Waffenlieferungen zu erlangen. Ab 1944 wurden die Panturkisten jedoch in den Hintergrund gedrängt und ihre Publikationen verboten, um den Alliierten einen Wandel in der türkischen Außenpolitik zu signalisieren.
Die türkischen Panturkisten, Turanisten und Faschisten waren jedoch weniger ein Exportprodukt der NS-Propaganda, sondern vielmehr ein Teil eines türkischen Nationalismus, der sowohl unter den Jungtürken (1908-1918) als auch in der Türkischen Republik offizielle Staatspolitik war.
Insgesamt führte in den 1930er und 1940er Jahre der Einfluss des NS-Regimes in der Türkei zu einem größeren Spielraum für türkische Faschisten und Rassisten und verstärkte judenfeindliche Tendenzen der nationalistischen Staatspolitik. Ein Beispiel für dieses Zusammenkommen von Antisemitismus und der türkistischer Staatspolitik sind die Übergriffe und Pogrome gegen die türkischen Juden in Thrakien 1934. Sie lassen sich einerseits als Teil einer staatlichen Türkisierungspolitik verstehen. Auf Anweisung der Staatsführung sollten die örtlichen Sektionen der Staatspartei CHP die türkischen Juden einschüchtern, damit sie die Region „freiwillig“ verlassen. Allerdings zeigte sich, dass die antisemitischen Stimmungen in der Bevölkerung stärker waren als gedacht und der Staat nicht in der Lage war, die Ausschreitungen noch zu kontrollieren: Die Übergriffe und Pogrome schienen „aus dem Ruder“ zu laufen. Die staatlichen Sicherheitskräfte mussten einschreiten, um die türkischen Juden vor dem Mob zu schützen. Später wurden die Ausschreitungen offiziell verurteilt, ohne allerdings den Juden die Rückkehr in die Region zu ermöglichen.
Während des Zweiten Weltkriegs ging die Türkisierungspolitik weiter. 1942 wurde eine einmalige Vermögenssteuer eingeführt. Offiziell war die Steuer gegen Kriegsprofiteure gerichtet und laut Gesetzestext zielte es nicht gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen. Die Höhe der Steuern wurde allerdings von türkischen Behörden individuell bestimmt, wodurch es zu einer Maßnahme gegen Nichtmuslime wurde. 87 Prozent der Besteuerten waren Nichtmuslime – bei einem Anteil von unter 2 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Sie zahlten 90 Prozent der Steuereinnahmen. Faktisch führte die Steuer zu einer staatlichen Enteignung der nichtmuslimischen Minderheiten. Oft überstieg die Steueraufforderung das gesamte Vermögen der Betroffenen, die dann in Zwangsarbeitslagern ihre „Steuerschulden“ abarbeiten sollten. Dies, begleitet von judenfeindlichen Artikeln in der Presse, führte zu einer größeren Resignation unter den türkischen Juden, so dass viele Juden die Türkei Richtung Palästina verließen.

Flucht in die Türkei?

In zahlreichen Publikationen wird darauf verwiesen, dass die Türkei während des Dritten Reichs zahlreiche politische Gegner des Regimes und Juden aufgenommen hätte. Dies wird als humanitäre Geste und als Beweis für die Nicht-Existenz des Antisemitismus in der Türkei sowie als politische Gegnerschaft zum NS-Regime dargestellt. Allerdings muss dies relativiert werden. So wurden die deutschen Migranten nach Nützlichkeitskriterien aufgenommen; unter den Professoren und Ingenieuren waren ebenso Gegner wie Befürworter des NS-Regimes, wobei letztere im Übrigen die Mehrheit der in der Türkei lebenden Deutschen bildeten. Daneben war die Aufnahme von Juden seitens des türkischen Staates nicht erwünscht und 1937 wies das türkische Außenministerium die Botschaften und Konsulate an, die Migration von Juden aus Deutschland in die Türkei zu verhindern, indem etwa keine Einreisevisa erteilt wurden. Die deutschen Juden, die bis dahin in die Türkei geflüchtet waren, sollten ausgewiesen werden. 1938 wurde die Flucht von Juden in die Türkei dadurch weiter erschwert, dass die türkischen Konsulate in Deutschland für die Erteilung von Einreisevisa in die Türkei „Ariernachweise“ verlangten. In anderen Staaten mit judenfeindlicher Gesetzgebung (Italien, Rumänien und Ungarn) sollten ebenfalls keine Einreisevisa für Juden vergeben werden. So konnten zwischen 1933 und 1945 insgesamt nur 500 bis 600 Juden legal vor dem NS-Regime in die Türkei fliehen, wo sie nur kurze Zeit bleiben durften und vielfach wieder abgeschoben wurden oder „freiwillig“ das Land wieder verließen.

Türkische Juden unter dem NS-Regime

Zum Zeitpunkt der NS-Machtergreifung 1933 lebten etwa 750 türkische Juden im Deutschen Reich. Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges lebten 20.000 bis 25.000 türkische Juden im vom NS-Regime eroberten Europa. Als Staatsbürger eines anderen Landes waren sie nicht im gleichen Maße wie die deutschen Juden von der antisemitischen NS-Politik betroffen sondern genossen einen relativen Schutz. Dieser Schutz wurde nie juristisch genau festgelegt und war je nach Politik des Herkunftslandes mehr oder weniger stark. Ob ausländische Juden vor Deportation und Mord geschützt waren, hing oft davon ab, ob ihr Herkunftsland sich für sie einsetzte und ob das Land für das NS-Regime eine Relevanz hatte. Außenpolitische Faktoren und gute Handelsbeziehungen konnten dazu führen, dass bestimmte ausländische Juden nicht deportiert und ermordet wurden.
Im Falle der türkischen Juden wurde dieser Schutz dadurch unterminiert, dass die Türkei in den 1920er und 1930er Jahre eine Reihe von Dekreten und Gesetzen erließ, die dazu führten, dass vielen in Ausland lebenden Türken die Staatsbürgerschaft entzogen wurde. Die Maßnahmen richteten sich zuerst gegen nichtmuslimische Minderheiten und sollten etwa die Rückkehr von Griechen und Armeniern in die Türkei verhindern. Mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft war vielfach ein Einreiseverbot in die Türkei verbunden, auch dann, wenn die Betroffenen später eine andere Staatsbürgerschaft hatten. So konnten die türkischen Juden selbst dann nicht in die Türkei fliehen, wenn sie etwa die französische Staatsbürgerschaft erhalten hatten.
So waren bei Kriegsbeginn 1939 bereits tausende in Europa lebende türkische Juden ausgebürgert. Sie verloren damit ihren relativen Schutz als Bürger eines neutralen Staates. Als nunmehr Staatenlose genossen sie keinerlei Schutz und waren oft die ersten Opfer von Deportation und Mord.
Mit den deutschen Kriegserfolgen kamen mehr und mehr türkische Juden in den NS-Machtbereich. Frankreich war das wichtigste Exilland für türkische Juden in Europa und wurde 1941 besetzt. Ab 1942 setzte das NS-Regime darauf, die ausländischen Juden aus ihrem Machtbereich zu vertreiben. Dazu wurden die neutralen Staaten aufgefordert, ihre jüdischen Staatsbürger in die Heimatländer zurückzuführen – sonst würde man sie deportieren und umbringen.
Die Türkei reagierte auf diese Aufforderung mit der Ausbürgerung weiterer türkischer Juden. Von den 5.000 bis 10.000 türkischen Juden, die noch die türkische Staatsbürgerschaft besaßen (die Übrigen waren bereits ausgebürgert), wurden mehr als 2.600 Juden ausgebürgert. Ebenso fatal war die Entscheidung der türkischen Regierung, nur wenige Juden in die Türkei zurückzuführen zu lassen. Die Türkei wollte eine Masseneinwanderung von Juden verhindern, auch wenn es eigene Staatsbürger waren. Im Übrigen wurden die Kosten für die Rückführung der türkischen Juden nicht vom türkischen Staat, sondern von jüdischen Organisationen getragen.
Dabei hätte die Türkei sich durchaus für ihre jüdischen Staatsbürger einsetzen können. Das NS-Regime hatte Interesse daran, die „deutschfreundliche Neutralität“ (Guttstadt) der Türkei aufrechtzuerhalten und war auf kriegswichtige Chromlieferungen aus der Türkei angewiesen. Diese Interessen führten auch dazu, dass das deutsche Auswärtige Amt darauf drängte, nur die ausgebürgerten türkischen Juden zu deportieren und die türkischen Staatsbürger vor antijüdischen Maßnahmen zu schützen.
Lediglich einzelne türkische Diplomaten setzten sich für ihre jüdischen Staatsbürger ein, um etwa die Beschlagnahmung ihres Eigentums zu verhindern oder ihre Freilassung aus der Haft zu erreichen. Türkische Juden, die ausgebürgert waren oder deren Papiere nicht ordnungsgemäß waren (weil sie etwa ihre Pässe während des Krieges nicht verlängern konnten), erhielten keinerlei Unterstützung – bis auf ein einzigen Fall: Der türkische Honorarkonsul in Lyon stellte eigenmächtig ausgebürgerten türkischen Juden Papiere aus, bis die türkische Regierung diese nicht gewünschte Maßnahme entdeckte und sofort beendete.
Während des Zweiten Weltkrieges wurden etwa 3.000 türkische Juden in die Konzentrationslager deportiert, viele von ihnen verloren ihr Leben. Andere wurden bei Razzien und in Durchgangslagern ermordet oder starben aufgrund der unmenschlichen Haftbedingungen. Von den 20.000 bis 25.000 türkischen Juden gelangten etwa 850 bis 900 in die Türkei. Insgesamt war die offizielle türkische Politik darauf gerichtet eine Einwanderung von Juden in die Türkei zu verhindern und war kaum am Schicksal der türkischen Juden unter dem NS-Regime interessiert.
Dies lässt sich jedoch weniger aus einem türkischen Antisemitismus heraus erklären, sondern ist vielmehr Teil einer staatlichen Politik, die auf Türkisierung und die Schaffung eines ethnisch homogenen Staates setzte. Die Auswanderung türkischer Juden aus der Türkei in den 1920er und 1930er Jahre war ebenso erwünscht, wie die Auswanderung anderer Minderheiten. Und folgerichtig war die Flucht der türkischen Juden von dem NS-Regime in die Türkei unerwünscht.

Eine wichtige Studie

Die weitere Forschung über die türkischen Juden unter dem NS-Regime wird sich an der hier wiedergegebene Studie orientieren müssen. Conny Guttstadt stellt die Wege der türkischen Juden detailliert dar und gibt umfassende Auskunft darüber, in welcher Situation die Juden in der Türkei lebten und warum sie nach Europa einwanderten, wie sie vom NS-Regime verfolgt wurden und wie sich der türkische Staat dazu verhielt.

Corry Guttstadt: Die Türkei, die Juden und der Holocaust. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2008.

Rezension: PROKLA – Postkoloniale Studien als kritische Sozialwissenschaft

Die koloniale Geschichte und postkoloniale Gegenwart Deutschlands ist weitgehend unbeachtet. Der deutsche Kolonialismus scheint eine längst abgeschlossene Phase zu sein, die lediglich für Historiker von Interesse und ohne jede Bedeutung für gegenwärtige politische und soziale Verhältnisse ist. Die Menschen aus den postkolonialen Staaten, die in Deutschland leben, werden bestenfalls als Objekte einer „Integrationspolitik“ wahrgenommen oder schlimmer noch als Bedrohung der sozialen Ordnung. Die Zusammenhänge zwischen den kolonialen und postkolonialen Strukturen und die prägende Rolle des Kolonialismus, auch für die europäischen Staaten, bleiben so unterbelichtet.

Insofern ist das verstärkte Interesse an postkolonialen Ansätzen, das in den letzten Jahren zu beobachten ist, sehr zu begrüßen. Ebenso ist die Infragestellung eurozentristischer Perspektiven ein wichtiger Beitrag für die Überwindung von Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen. Allerdings führen die gegenwärtige Akademisierung postkolonialer Ansätze und die Etablierung der „postkolonialen Studien“ zu einer Dominanz diskursanalytischer Ansätze auf Kosten der klassen- und gesellschaftskritischen Ansätze. Durch die Rede über Diskurse geraten vielfach die realen Macht- und Ausbeutungsverhältnisse aus dem Blickwinkel.

Es ist den AutorInnen der aktuellen PROKLA anzurechnen, dass sie diese Kritik aufgreifen, ohne damit postkoloniale Ansätze insgesamt zu delegitimieren. Eine zentrale Frage, die sich in vielen Texten wiederfindet, ist: Wie können postkoloniale Perspektiven für eine kritische Sozialwissenschaft sinnvoll genutzt werden? Es geht dabei um die „Verbindung einer materialistischen Analyse von Ausbeutungsverhältnissen mit einer Kritik der […] diskursiven Normalisierung kolonialer Dominanz“ (S. 25). Ein Vorschlag, um das kritische Potenzial der postkolonialen Ansätze weiterzuentwickeln, ist die Rückbesinnung auf antikoloniale Theorien und Praxen, die historisch die Ursprungspunkte der postkolonialen Ansätze bilden. Die antikolonialen Kämpfe werden dabei als politischer Widerstand gegen Herrschaft und Ausbeutung verstanden. Diese Lesart lässt allerdings noch offen, wie aus antikolonialen Befreiungsbewegungen postkoloniale Herrschaftsapparate wurden und wie die Erlangung der formellen Unabhängigkeit mit der faktischen Fortführung von Dominanzverhältnissen einherging. Die Rolle der politischen und ökonomischen Eliten im globalen Süden wäre ebenfalls noch zu untersuchen.

Neben der grundsätzlichen Debatte über das Zusammenkommen und die Weiterentwicklung von postkolonialen Perspektiven und gesellschaftskritischen Ansätzen werden in der PROKLA auch erste Beispiele einer solchen Zusammenführung dargestellt. So diskutieren Petra Neuhold und Paul Scheibelhofer die neueren Debatten um Migration in Deutschland, in denen zunehmend Forderungen nach einer „Steuerung“ der Migration lauter werden. Gegenüber rassistischer Hetze erscheint der Multikulturalismus mit seiner grundsätzlichen Offenheit gegenüber Migration als vergleichsweise „liberal“ und tolerant. Dies führt dazu, dass AntirassistInnen sich vielfach positiv auf multikulturalistische Ansätze beziehen und Teil einer „weichen“ Migrationsteuerung werden, die mit der „Nützlichkeit“ von Migranten argumentiert. Ebenso werden so soziale Konflikte befriedet, während gleichzeitig ethnisierende Grenzziehungen und Hierarchien gefestigt werden. Die Kritik an den gegenwärtigen multikulturalistischen Ansätzen verknüpfen die AutorInnen mit der Forderung nach einem alternativen, kritischen Multikulturalismus, der von den „Bedürfnissen der Migrant_innen und [den] sozialen Kämpfen“ (S. 98) ausgehen soll.

Widerstand und Kritik an politischer Unterdrückung und ökonomischer Ausbeutung sind nach wie vor zentrale Punkte anti- und postkolonialer Perspektiven. Dies zu rekapitulieren und auf das Potenzial postkolonialer Ansätze bei der Überwindung eurozentristischer Tendenzen in den (kritischen) Sozialwissenschaften hinzuweisen, wird in der PROKLA geleistet. Es bleibt zu hoffen, dass diese Debatte fortgeführt wird.

PROKLA: Postkoloniale Studien als kritische Sozialwissenschaft. Nr. 158, März 2010.

(Eine stark gekürzte Fassung dieser Rezension ist erschienen in der analyse&kritik analyse&kritik (Nr. 551 vom 18.6.2010, S. 35)