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Antisemitismus und Islamophobie – Wie und wozu vergleichen?

Bis vor einigen Jahren konnte sich die Feindschaft gegenüber Muslimen in Deutschland als „Islamkritik“ legitimieren. Auch einige linken Gruppen hatten wenig Hemmungen, die Muslime als besonders reaktionär und anti-emanzipatorisch zu kritisieren, ohne zu berücksichtigen, inwiefern diese Kritik zur Legitimierung des Rassismus in Deutschland instrumentalisiert werden konnte.
Inzwischen gibt es eine breitere Debatte um die Feindschaft gegenüber Muslimen. Dies ist nicht zuletzt auf die öffentliche Auseinandersetzung um die Vergleichbarkeit von Antisemitismus und Islamophobie zurückzuführen, die im Dezember 2008 durch die wissenschaftliche Konferenz „Feindbild Muslim — Feindbild Jude“ des Zentrums für Antisemitismusforschung ausgelöst wurde (vgl. analyse&kritik Nr. 547). Die Frage nach der Vergleichbarkeit mit dem Antisemitismus dominiert zur Zeit die Debatte um antimuslimische Diskurse. Im Rahmen dieser Auseinandersetzungen ist auch die Publikation „Antisemitismus und Islamophobie – ein Vergleich“ entstanden.
Nach den AutorInnen Sabine Schiffer und Constantin Wagner soll der Vergleich zum Antisemitismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts dazu dienen, die rassistischen Merkmale der Islamophobie-Debatte zu analysieren.
Hier soll jetzt nicht darüber diskutiert werden, ob Islamophobie der richtige Begriff ist (oder doch damit Religionskritik delegitimiert wird) und ob nicht der Antisemitismus mehr ist als „nur“ ein rassistischer Diskurs. Diese Schwierigkeiten betreffen die gesamte Debatte um den Vergleich.
Die Publikation hat jedoch ganz andere Defizite. Der Vergleich zwischen Antisemitismus und Islamophobie setzt die genaue Analyse der beiden Phänomene voraus. Eine solche Analyse fehlt hier jedoch. So wird für den Antisemitismus auf eine Rassismus-Definition des Brockhaus-Lexikon von 1992 zurückgegriffen (vgl. S. 18-19), ohne überhaupt zu versuchen, die wissenschaftliche Debatte um Antisemitismus sinnvoll einzubeziehen. Die Absurdität, das komplexe Phänomen des Antisemitismus durch einen Lexikon-Eintrag über Rassismus definieren zu wollen, bleibt leider nicht die einzige. Neben der fehlenden Analyse ist ein Hauptdefizit der Publikation, dass da, wo eine inhaltliche Auseinandersetzung zu erwarten wäre, stattdessen viele Seitenhiebe gegen Einzelpersonen zu finden ist. So etwa schreiben die Autoren, man könne nicht von Antisemitismus sprechen, wenn das Existenzrecht Israels in Frage gestellt wird oder wenn die „Praktiken in Israel mit Praktiken in Nazi-Deutschland verglichen werden“ (S. 60). Anschließend folgt aber keine inhaltliche Begründung der streitbaren Thesen. Stattdessen geht es um Gerichtsprozesse zwischen Henryk Broder und Abraham Melzer (nein, die Namen muss man nicht kennen). Ebenso ist im Kapitel „Muslime und Antisemitismus“ kaum etwas zum Thema selbst zu lesen, aber vieles über Matthias Küntzel, einen Antideutschen. Dies sind nur zwei Beispiele dafür, wie seitenlang auf Kosten der inhaltlichen Auseinandersetzung über relativ unwichtige Einzelpersonen geschrieben wird.
Neben diesen Hauptdefiziten existiert noch eine Reihe kleinerer Defizite:

- Obwohl laut AutorInnen der Bezugsrahmen der Antisemitismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sein soll und der nationalsozialistische Antisemitismus nicht mit Islamophobie verglichen werden soll, wird der Film „Der ewige Jude“ mit „Fitna“, einem islamophoben Film, gleichgesetzt (S. 169-170).
- Es wird behauptet, die Taliban wäre als „Speerspitze gegen die Sowjetunion“ (S. 76) aufgebaut worden. Allerdings entstand die Taliban Anfang der 1990er Jahre, als die sowjetischen Soldaten bereits aus Afghanistan abgezogen waren und die Sowjetunion ohnehin in Auflösung begriffen war.
- Die AutorInnen behaupten Hassan al-Banna (Begründer der islamistischen Muslimbruderschaft) sei ein muslimischer Reformer, der „die islamischen Tugenden für eine durchaus optimierungsbedürftige Moderne nutzbar machen wollte“ (S. 76). Jedoch sind aus einer emanzipatorischen Perspektive die Vorstellungen der Muslimbrüderschaft darüber, wie solche „Optimierungen“ aussehen sollen, eindeutig abzulehnen.
- Es wird behauptet, es gebe keine Beweise dafür, dass al-Qaida für die Anschläge am 11. September 2001 verantwortlich ist (S. 137).

Das Buch schließt mit einer weiteren Merkwürdigkeit ab: Im letzten Absatz wird von „Drahtzieher[n] der Ordnung der Welt“ (S. 210) gesprochen, die nationalistischen und religiösen Hass schüren würden und die man erkennen solle um sich zu befreien. Wer diese Drahtzieher sein sollen, wird bis dahin nicht genannt. Das gegenwärtige Weltsystem auf das Wirken von geheimen Mächten im Hintergrund zurückzuführen, ist jedoch zumindest verschwörungstheoretisch und anti-emanzipatorisch.
Angesichts dessen, dass Sabine Schiffer als Expertin für Islamophobie auftritt und Zuspruch nicht zuletzt aus dem linken Milieu erhält, wäre es sehr ratsam, sich mit diesen sehr problematischen Aussagen auseinanderzusetzen. Die Besprechung der Publikation zeigt, dass hier sehr viele Defizite und Probleme und damit kaum sinnvolle Anknüpfungspunkte für linke und emanzipatorische Ansätze existieren.

Sabine Schiffer / Constantin Wagner (2009): Antisemitismus und Islamophobie – ein Vergleich. HWK Verlag, Wassertrüdingen.

Diese Rezension ist erschienen in der trend onlinezeitung (Nr. 03/2010).

Buchrezension: Krieg

Krieg. So lautet der Titel einer aktuellen Publikation der „jour fixe initiative berlin“. Die Autoren haben glücklicherweise darauf verzichtet, ein für allemal definieren zu wollen, was Krieg ist. Dies ist sehr begrüßenswert, da auch im 21. Jahrhundert der Krieg „ein wahres Chamäleon“ (Clausewitz) ist. Doch wie kann ein genaueres Hinschauen aussehen? Eine Möglichkeit ist es, konkrete Kriege und Konflikte zu analysieren und daraus allgemeine Schlüsse zu ziehen. Ein Beispiel hierfür ist etwa „Das Unternehmen Krieg – Paramilitärs, Warlords und Privatarmeen als Akteure der Neuen Kriegsordnung“ aus dem Jahre 2003. Eine andere Option ist die theoretische Diskussion von einzelnen Aspekten oder „Gesichtern“ des Krieges. Der vorliegende Sammelband geht diesen Weg.
So skizziert Daniel Bensaid die Diskurse, mit denen Kriege und „Interventionen“ des Westens legitimiert werden. Insbesondere der Bezug auf moralische und ethische Prinzipien bei der Begründung von „humanitären Interventionen“ und „gerechten Kriegen“ wird aufgeschlüsselt. Wolfgang Kaleck rollt die Debatte um „Feindstrafrecht“ auf. Es wird dabei deutlich, dass Menschen durch die Deklaration als „Feinde“ Menschenrechte verlieren und dass Begrenzungen der staatlichen Repression fallen.
Sehr spannend ist auch der Beitrag von Titus Engelschall und Elfriede Müller über das „Dilemma sozialrevolutionärer Gewalt“. Sie beschreiben anhand der russischen Revolution 1917, der deutschen Novemberrevolution von 1918/19 und der kubanischen Revolution die Verknüpfung von Krieg und Revolution. Der Krieg machte in diesen Fällen die Revolution zunächst erst möglich, führte aber dann zur Militarisierung der Revolution und zur Unterminierung emanzipatorischer Perspektiven. Die Autoren beschreiben das Dilemma, können Ideen für eine Überwindung aber nur andeuten.
Das Sammelband spricht in insgesamt neun Beiträgen viele Aspekte an, bezieht Diskurse ein und zeigt Perspektiven auf. Ein zusammenfassendes Fazit fehlt. Dies ist aber bei der Themenbreite kaum überraschend.

jour fixe initiative berlin (Hg.): Krieg. Unrast Verlag, Köln 2009, 184 Seiten, 16 Euro.

Ismail Küpeli

Eine überarbeitete Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik (Nr. 541 vom 21.8.2009).

Buchrezension: Überleben im Goldland – Afrika im globalen Kapitalismus

Ein „fundierter Überblick über die Stellung Afrikas im globalen Kapitalismus“ wird im Klappentext versprochen. Zu lesen ist eine solide Darstellung einiger ökonomischer und sozialer Daten (Einkommen, Produktivität, Industrialisierungsgrad usw.) und eine Diskussion der „westlichen“ und „afrikanischen“ Entwicklungspolitiken. Anschließend stellt Goldberg noch das Konzept der „afrikanischen Produktionsweise“ vor und bietet mögliche Lösungsansätze für die Überwindung der Unterentwicklung in Afrika an.
Relevante Entwicklungstheorien werden besprochen, wobei die Schwerpunkt eher auf Debatten der 1980er Jahre liegt. So wird etwa die Diskussion um die Schuldenkrise und die Strukturanpassungsprogramme zusammenfassend dargestellt. Die aktuellen Diskussionen fehlen weitgehend. So etwa die Diskussion über neuere Untersuchungen, die in Frage stellen, ob „Entwicklungshilfe“ überhaupt eine positive Wirkung hat. Weiterhin wird über die „asiatische Produktionsweise“ gesprochen und parallel dazu eine „afrikanische Produktionsweise“ so aufgestellt, als hätte es keine Kritik an der Rede über die „asiatische Produktionsweise“ und der traditionellen marxistischen Darstellung von nicht-europäischen Gesellschaften gegeben. Das Basis-Überbau-Modell wird ebenfalls weiter verwendet, wenn auch eine „relative Autonomie“ der „gesellschaftlichen Institutionen“ (S. 158) erwähnt wird. Etwas überraschend ist der positive Bezug auf den Staat als Entwicklungsmotor gegen Ende des Buchs, was sich mit der vorhergegangen Betonung der Relevanz der ökonomischen „Basis“ ein wenig beißt.
Ob die Publikation eine Anschaffung Wert ist, hängt – wie üblich – davon ab, wozu sie dienen soll. Wer eine traditionell-marxistische Ergänzung zu der Entwicklungtheorie-Debatten, insbesondere über Afrika, sucht, wird hier fündig. Enttäuscht werden dagegen diejenigen, die hier nach einer Überwindung der bisherigen Entwicklungstheorien suchen.

Jörg Goldberg: Überleben im Goldland – Afrika im globalen Kapitalismus. PapyRossa, Köln 2008, 249 Seiten, 16,90 Euro.

Ismail Küpeli

Eine überarbeitete Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik (Nr. 539 vom 15.5.2009)

Buchrezension: Staatstheorie vor neuen Herausforderungen

Der Staat als relevanter und fähiger Akteur feiert in diesen Tagen sein Comeback. Das deutlichste Anzeichen dafür ist die ökonomische Kompetenz, die dem Staat zugesprochen wird – wo doch bis vor kurzem das Heil in der Privatisierung, einschließlich des „Kerns“ der nationalstaatlichen Aufgaben, gesucht wurde.

Während sich jedoch der politische Streit hauptsächlich um die Frage dreht, ob nur die Verluste der Unternehmen oder die Unternehmen selbst verstaatlicht werden sollen, ist die Analyse und Kritik des (kapitalistischen) Staates nach wie vor marginal. Vielfach wird – wie etwa durch die Linkspartei – staatliche Regulierung mit linker und sozialer Politik gleichsetzt.

Insofern ist der von Jens Wissel und Stefanie Wöhl herausgegebene Sammelband als ein wichtiger Beitrag zu einer kritischen Staatstheorie sehr zu begrüßen. Mit Bezug auf den marxistischen Theoretiker Poulantzas wird versucht, das immer noch geltende linke und marxistische Paradigma, wonach der Staat nur der politische Überbau ist, der sich vollständig aus dem ökonomischen Unterbau erklären lässt, zu überwinden. Dabei kommt auch der „Governance“-Ansatz, also die politische Steuerung jenseits der klassischen Instrumente des Nationalstaates, in den Blick und wird, im Gegensatz zum Mainstream in der Politikwissenschaft, als eine Form des „autoritären Etatismus im Neoliberalismus“ (John Kannankulam) verstanden.

Einige weiße Flecken bleiben jedoch. Die Konzentration auf die politischen Prozesse im „Westen“ führt dazu, dass die Debatte um Staatszerfall in der „Dritten Welt“ und die darauf folgenden politischen und militärischen Interventionen weitgehend unbeachtet bleiben. Dass momentan im „Westen“ nach dem Staat gerufen wird und dass auf den Staat als Ordnungsfaktor in der „Dritten Welt“ gesetzt wird, hängt insofern zusammen, als der Staat spätestens mit gesellschaftlichen Krisen wieder zurückkommt – und sei es nur als Krisenverwalter. Es bleibt zu hoffen, dass spätere Publikationen in der hier begonnenen Reihe diese Zusammenhänge näher analysieren.

Jens Wissel und Stefanie Wöhl (Hg.): Staatstheorie vor neuen Herausforderungen – Analyse und Kritik. Westfälisches Dampfboot, Münster 2008, 167 Seiten, 15,90 EUR

Ismail Küpeli

Eine überarbeitete Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik ( Nr. 537 vom 20.3.2009 )

Buchrezension: G. Prunier: Darfur. Der „uneindeutige“ Genozid.

Die öffentliche Debatte über den „Darfur-Konflikt“ dreht sich um zwei Fragen: Findet in Darfur ein Genozid statt? Und wenn ja, wer soll (militärisch) intervenieren um den Genozid zu stoppen? Die Koppelung dieser beiden Fragen weckt bei vielen Erinnerungen an den Kosovo-Krieg 1999, der von der deutschen Regierung als „humanitäre Intervention“ zur Verhinderung eines Genozids dargestellt wurde. So ist es nachvollziehbar, wenn in Teilen der Friedensbewegung der Versuch gemacht wird, andere Erklärungsmuster für den „Darfur-Konflikt“ zu suchen und auf Macht- und Profitinteressen der westlichen Staaten hinzuweisen. Dabei wird allerdings übersehen, dass gerade im „Darfur-Konflikt“, der seit 2003 andauert, die westlichen Staaten an einer militärischen Intervention kein großes Interesse haben. So kann hier von einer kriegslegitimierenden Funktion des Genozid-Diskurses nicht die Rede sein. Abgesehen davon wäre es ohnehin fraglich, einen Genozid zu leugnen, um so einen eventuellen Missbrauch als Kriegsgrund auszuschließen.

Eine dezidiert anti-militaristische Analyse des „Darfur-Konflikts“ bleibt überfällig. Mit der Publikation von Prunier aus dem letzten Jahr findet sich jedoch eine Studie, die die historischen Hintergründe beleuchtet und darauf verzichtet, eine vereinfachte Erklärung für den Genozid zu liefern. Stattdessen stellt Prunier die komplexe Beziehung zwischen Zentrum (Khartum) und Peripherie (Darfur) dar. Die Verwendung der nationalstaatlichen Ressourcen für das Zentrum führe zu einer Unterentwicklung in der Peripherie. Dies wiederum führe zur politischen Opposition in der Peripherie. Wenn die politische Führung im Zentrum in einer solchen Konstellation versuche, einzelne ethnische Gruppen in der Peripherie gegeneinander auszuspielen, um so die staatliche Macht und Ressourcen nicht teilen zu müssen, werde der Konflikt ethnisiert. Als jedoch der Konflikt nicht abbebte und weiterhin eine ‚Bedrohung‘ blieb, hätte sich die politische Führung zu einer genozidalen Bekämpfung der Opposition entschieden.

Insgesamt ist die differenzierte Studie von Prunier zu empfehlen, auch für eine anti-militaristische Debatte. Leider überwiegen hier immer noch die Stimmen, die die Gewalt des sudanesischen Staates gegen die Bevölkerung in Darfur klein zu reden versuchen.

Gérard Prunier: Darfur. Der „uneindeutige“ Genozid. Hamburger Edition, Hamburg 2007, 275 Seiten, 25 Euro.

Ismail Küpeli

Eine überarbeitete Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik (Nr. 525 vom 15.2.2008)

Buchrezension: J. Berlin / A. Klenner: Völkermord oder Umsiedlung?

Die öffentliche Debatte in Deutschland über den Genozid an den Armeniern während des 1. Weltkrieges ist nach wie vor von der Beteiligung des Deutschen Reiches und der Leugnungspolitik des türkischen Staates geprägt. Zahlreiche Publikationen untersuchen etwa die Rolle der deutschen Militärs und Politiker beim Genozid oder argumentieren gegen die Leugnung. Die Publikation „Völkermord oder Umsiedlung“ von J. Berlin und A. Klenner ist ein weiterer Beitrag in dieser Debatte.

Die Publikation besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil, „Darstellung“, bietet auf knapp 50 Seiten einen Überblick über die Geschichte der Armenier vor und während des Osmanischen Reiches. Die Darstellung des jungtürkischen Regimes von 1908 bis 1918 folgt der These, dass die zuerst pluralistische Politik der Jungtürken durch „militärische Niederlagen“ (S. 29) und „Misstrauen“ der christlichen Minderheiten (S. 28) in eine diktatorische umgeschlagen sei. Diese These ist keineswegs unumstritten, weil so die ideologischen Hintergründe der Jungtürken weitgehend ausgeblendet werden und die Schuldlast für den Genozid von den Tätern genommen werden kann.

Der zweite Teil, „Dokumente“ (293 Seiten), besteht aus Auszügen aus sehr unterschiedlichen Publikationen, so etwa aus zeitgenössischen (Augenzeugen-)Berichten, wissenschaftlichen Untersuchungen, literarischen Werken und Veröffentlichungen aus der offiziellen türkischen Leugnungsdebatte. Die Auszüge wurden ins Deutsche übersetzt. Kritisch sind hier zwei Punkte. Zum einen fehlt eine genauere Einordnung der Auszüge. Zum anderen wurden nur die armenischen und türkischen Publikationen einbezogen, die bereits auf Deutsch, Englisch oder Französisch vorlagen.

Der Gesamteindruck bleibt somit widersprüchlich. Die Grenzen einer Debatte, die davon geprägt ist, dass immer wieder zuerst gegen die Leugnung des Genozid argumentiert werden muss, zeigen sich auch in dieser Publikation.

Jörg Berlin / Adrian Klenner: Völkermord oder Umsiedlung? Das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich – Darstellung und Dokumente, PapyRossa Verlag, Köln, 2006, 421 Seiten, 24,90 Euro.

Ismail Küpeli

Eine überarbeitete Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik (Nr. 522 vom 16.11.2007)

Buchrezension: B. Greiner u.a.: Heiße Kriege im Kalten Krieg

Die zeitgenössischen Debatten über Krieg und Frieden sind vielfach von Annahmen geprägt, die nicht weiter hinterfragt werden. Eine dieser Annahmen ist die Vorstellung des „Kalten Krieges“ als eine weltweite Konfrontation zwischen zwei monolithischen Blöcken, wobei die Kriege in der „Dritten Welt“ als „Stellvertreterkriege“ definiert werden. Diese dichotomische Aufteilung bietet etwa auch einen Ausgangspunkt der „Neue Kriege“-Debatte.

Der Sammelband „Heiße Kriege im Kalten Krieg“ stellt diese Annahme in Frage und versucht, sie auch mit Hilfe von Fallbeispielen zu überprüfen und andere Erklärungsmuster anzubieten. Zwei Ansätze werden betont: so zum einen, die Kriege in der „Dritten Welt“ primär als De- und Post-Kolonialkriege zu verstehen und zum anderen, sie aus der Perspektive der lokalen und regionalen Strukturen und Akteure zu sehen.

Neben bekannten Fällen, wie etwa den Kriegen in Korea und Vietnam, wird etwa die widersprüchliche und von regionalen Dynamiken bestimmte Rolle Ägyptens während des Kalten Krieges näher beleuchtet. Hier wird dargestellt, wie die ägyptische Staatsführung ihre strategischen Interessen zu verfolgen und dabei die Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion für sich nutzen versuchte. Dabei wird deutlich, dass von einer „one-way-dependency“ keine Rede sein kann.

Die Publikation ist für alle zu empfehlen, die sich für historische politische Konflikte, die auch für die heutigen politischen Strukturen prägend sind, interessieren.

Zwei Einschränkungen gibt es jedoch. Zum einen fehlt, für einen Tagungsband nicht untypisch, eine dezidierte Einführung und Zusammenfassung. Zum anderen findet sich bei einigen Autoren die argumentativ nicht nachvollziehbare These, dass neoliberale Wirtschaftsstrukturen die Lösung für die Probleme seien, die durch planwirtschaftliche Modelle geschaffen seien. Dies ist sehr fraglich. Jedenfalls haben die neoliberalen Maßnahmen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges für die jeweilige Bevölkerung selten mehr Wohlstand und soziale Sicherheit mit sich gebracht.

Bernd Greiner / Christian Th. Müller / Dierk Walter (Hg.): Heiße Kriege im Kalten Krieg. Hamburger Edition, Hamburg, 2006, 514 Seiten.

Ismail Küpeli

Eine kürzere Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik (Nr. 521 vom 19.10.2007).(PDF-Version)

Buchrezension: G. Achcar / M. Warschawski: Der 33 Tage-Krieg

Über den Libanonkrieg 2006 sind inzwischen, neben zahlreichen Artikeln und Aufsätzen, auch zwei Bücher erschienen. Zum einen die recht umfangreiche Publikation von Simon Wunder und zum anderen die etwas knappere Veröffentlichung von Gilbert Achcar und Michael Warschawski: „Der 33-Tage-Krieg“.

Vorweg: Eine engagierte Kritik der US-amerikanischen und israelischen Politik zu schreiben, ist nichts Verwerfliches. Ebenso wenig verwerflich ist es, auf die Widersprüche zwischen Kriegsrealität und -legitimationsversuchen hinzuweisen.

Problematisch ist jedoch, dass die Publikation zwar für sich in Anspruch nimmt, die „Lücke im spärlich vorhandenen Wissen über den Libanon und die Hisbollah“ zu schließen und eine „fundierte Bewertung des aktuellen Israel-Libanon-Konfliktes“ (siehe Klappentext) zu liefern, aber hauptsächlich aus der Reproduktion der bekannten und vielfach formulierten Kritik der US-amerikanischen und israelischen Politik besteht.

Dies zeigt sich etwa in der Darstellung der Hisbollah auf knapp 10 Seiten (S. 24-33), die unterbrochen wird von polemischen Einwürfen gegen die USA und Israel. Zu finden sind etwa Hinweise auf die „sozialen Dienstleistungen“ der Hisbollah, allerdings ohne eine genauere Analyse dieser oft genannten sozialen Seite einer Organisation, die auch eine politisch-militärische ist. Die Darstellung der militärischen Seite der Hisbollah lehnt sich sehr eng an das Selbstverständnis der Hisbollah an. So ist etwa die Rede von der „im Interesse des Libanon legitimen Bewaffnung“ (S. 33), die dafür da sei, den Libanon zu verteidigen. Dass die militärischen Aktionen der Hisbollah gegen Israel auch dazu dienen, sich im innerlibanesischen Konflikt zu profilieren, bleibt ausgeblendet. Die Darstellung der Geschichte Libanons von der Staatsgründung bis 2006 ist mit einem Umfang von 5 Seiten ebenfalls sehr kompakt.

Insgesamt wird der Libanonkrieg 2006 als Teil eines von USA und Israel geplanten und durchgeführten „unbegrenzten globalen Krieges“ (S. 54, 58, etc.) auf der Basis einer „gemeinsam erarbeiteten Strategie der Neokonservativen beider Länder (USA und Israel, A.d.A.)“ (S. 60) deklariert. Die Formulierung, die USA und Israel seien ein „zweiköpfiges Monster“ (S. 60), ist dann eine Konsequenz dieser Perspektive und macht die analytischen Schwächen deutlich.

Gilbert Achcar / Michel Warschawski: Der 33 Tage-Krieg. Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon und seine Konsequenzen. Edition Nautilus, Hamburg, 2007, 93 Seiten, 10,90 Euro.

Ismail Küpeli

Eine kürzere Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik (Nr. 520 vom 21.9.2007) . (PDF Version)

Buchrezension: J. Hippler: Krieg, Repression, Terrorismus

Der Zusammenhang zwischen Politik, Religion und Gewalt im Nahen und Mittleren Osten ist ein Thema zahlreicher Publikationen, insbesondere in den letzten Jahrzehnten. Es überwiegen dabei kulturkämpferische und eurozentristische Ansätze. Bekannt sind etwa die Autoren S. Huntington und B. Lewis, die in unterschiedlichen Varianten den Islam als die Ursache für Unterentwicklung, fehlende Demokratisierung und Gewalt ausmachen.

Insofern fällt die Studie von J. Hippler positiv aus diesem Rahmen. Durch die Auswahl der Autoren und die Dreisprachigkeit der Publikation wird die Wichtigkeit einer internationellen Debatte betont. Im Gegensatz zu Huntington und Lewis wurde zudem eine vergleichende Analyse der Gewalt im „Westen“ und in der „islamischen Welt“ erstellt. Im Bezug auf Europa weist der Autor darauf hin, dass die einfache These von der Gewaltminderung durch die Ausdehnung der Staatlichkeit so nicht stimmt, sondern er zeigt, dass die Gewaltminderung im privaten Rahmen durchaus mit staatlicher Gewalttätigkeit, etwa in den Welt- und Kolonialkriegen einherging. Des Weiteren wird auf den Zusammenhang von Modernisierung, Aufstieg der Nationalstaaten und genozidaler Politik hingewiesen.

Stellvertretend für die Gewalt in „muslimischen Gesellschaften“ werden als Fallbeispiele der Völkermord an den Armeniern 1915, die von Massakern begleitete Spaltung Pakistans, die Massaker an Mitgliedern der Kommunischen Partei Indonesiens (PKI) 1965 mit bis zu 1 Million Opfern und die Gewaltherrschaft Saddam Husseins im Irak 1979-2003 untersucht. Hippler interpretiert die Beispiele dahingehend, dass in der „islamischen Welt“ ebenso wie in Europa Massaker zur „Durchsetzung, Konzentration und Monopolisierung zentraler staatlicher Macht dienten“ (S. 63). Schon allein diese implizite Kritik der Staatsapogeletik macht die Publikation lesenswert.

Jochen Hippler, Nasr Hamid Abu Zaid, Amr Hamzawy: Krieg, Repression, Terrorismus. Politische Gewalt und Zivilisation in westlichen und muslimischen Gesellschaften. ifa, Stuttgart, 2006, 509 Seiten.

Ismail Küpeli

Eine überarbeitete Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik (Nr. 515 vom 16.3.2007). (PDF-Version)

Schwülstige Geschichten über „Importbräute“

In der Integrationsdebatte werden Frauenrechte funktionalisiert

Sind die muslimischen MigrantInnen anpassungsfähig an das demokratische, menschenrechtsorientierte und freiheitliche politische System in Deutschland? Solche Fragen bestimmen die „Integrationsdebatte“ in Deutschland. Und in der letzten Zeit spielt Necla Kelek mit ihrer Publikation Die fremde Braut dabei eine prominente Rolle. Thematisiert werden darin der „Import“ von Frauen aus der Türkei und Zwangsheiraten von MuslimInnen in BRD. Kelek hat mit ihrer Publikation zu einer weiteren Polarisierung der Debatte geführt. Nicht zu Unrecht haben etwa 60 SoziologInnen und MigrationsforscherInnen in einem „Offenen Brief“ in der Zeit vom 2.2.2006 deutliche Kritik an Keleks Methoden und Positionen geäußert. Die Publikation von Kelek wird darin folgendermaßen bewertet: „Die ‚Analysen‘ [sind] nichts mehr als die Verbreitung billiger Klischees über ‚den Islam‘ und ‚die Türken‘, angereichert durch schwülstige Episoden aus Keleks Familiengeschichte“.

Neben der oben erwähnten sehr deutlichen Kritik sind ebenfalls sehr positive Kommentare zu Die fremde Braut erschienen, so auch vom ehemaligen Innenminister Otto Schily und Alice Schwarzer. Schwarzer bezieht in ihrem Kommentar in der EMMA vom März 2006 wiederum Stellung gegen die Migrationsforscher und bezeichnet sie als „Islamisten-Freunde“. Die Auszeichung mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2005 und eine Gastprofessur an der Universität Duisburg-Essen 2006 sind Hinweise darauf, dass Keleks Positionen von einem großen Teil der Öffentlichkeit als seriös eingeschätzt werden.

Im Kontext solch einer Kontroverse lohnt ein genauerer Blick in die Publikation der vieldiskutierten Autorin.

Anekdoten, Steorotype, Vorurteile

Das Buch setzt sich aus 13 Kapiteln zusammen und beginnt vielsagend pathetisch mit „Dies ist eine wahre Geschichte“ (S. 11). Die Geschichte, die erzählt wird, soll von türkischen Frauen, die in „arrangierten Ehen“ wie „Sklavinnen gehalten“ werden, handeln. Es folgen unvermittelt Anekdoten von der Hochzeitsfeier ihres Bruders. Diese dienen einzig dazu, eine Atmosphäre der Authenzitität herzustellen, der zufolge Kelek die türkische Kultur kenne, und sie den Leser in diese andere Kultur einführen könne. Die Einleitung schließt mit der Bemerkung, dass sie stolz darauf sei, eine Deutsche zu sein (S. 20).

Vorfahren- und Familiengeschichte

Die ersten 7 Kapiteln stellen eine Art Familiengeschichte Keleks und ihrer Vorfahren da, angefangen beim „Exodus der Tscherkessen“ über die Kindheit Keleks in Istanbul bis hin zu ihrer Emanzipation von ihrer Familie und ihrer türkisch-tscherkessischen Herkunft. Dabei tauchen kleinere Texteinheiten auf, in denen die Ebene der persönlichen und familiären Geschichte verlassen wird, um andere Geschichten einzubauen. So z.B. die These, dass der Harem ein Modell dafür sei, wie muslimische Familien sein wollen. Kelek deutet explizit darauf hin, dass die Zustände im osmanischen Harem im 19. Jh. mit den Zuständen in Deutschland des 21. Jh. gleichzusetzen seien (S. 39, 44). Der behauptete Zusammenhang zwischen Harem und muslimischer Familienstruktur wird weiter betont: Die „türkisch-muslimische Frau“ könnte heute genauso „wie die Sklavin im Osmanischen Harem nicht als Ehefrau, sondern nur als Mutter etwas erreichen“ (S.47).

Im Folgenden plätschert die Familiengeschichte dahin – unterbrochen von merwürdigen Behauptungen wie der, dass auf türkischen „Festen, das weiß man (sic!) […] Fäuste und Messer locker sitzen“ und man „Ärger mit den Brüdern bekommen kann“ (S. 65) , dass muslimische Mädchen weder in der Türkei noch in Deutschland auf Schaukeln zu sehen sind (S. 87) und dass sich „türkische Jungen immer auf der Straße herumtreiben und an den Ecken herumlungern“ (S. 127). Ein weiteres Mittel zur Herstellung einer Atmosphäre der Authenzitität ist, dass Kelek auch für die banalsten Wörter türkische Ausdrücke verwendet, so statt Backblech „Tepsi“ (S. 87), statt Wassermelone „Karpuz“ (S. 87) und statt Teppich „Kelim“ (S. 97).

„Geschichten von den ‚Importbräuten‘“

Nach Kapitel 9, einer eigentümlichen und gerafften Darstellung des Islams, tauchen erst in den beiden letzten Kapiteln erste zusammenhängende Geschichten über die angekündigen Themen „Importbräute“ aus der Türkei und Zwangsheiraten von MuslimInnen in Deutschland auf. Die erste Geschichte ist die Wiedergabe eines Dialogs zwischen Kelek und einer Freundin ihrer Mutter. Es folgt eine Typisierung einer „typische[n] Importbraut“ (S. 171), wobei unklar bleibt, ob und wie diese Typisierung auf Empirie basiert. Weiter geht es mit Geschichten von drei türkischen Frauen, die über die Heirat eines in Deutschland lebenden Türken nach Deutschland gekommen sind. Die Geschichten werden erzählt, aber eine empirische Methode, wodurch die Geschichten erst bewertbar und weiterverwendbar würden, fehlt. Die Problematik, die dadurch entsteht, müsste Kelek eigentlich bewußt sein, da sie Soziologin ist und dies bei ihren Veröffentlichungen immer wieder betont. Es bleibt je nach Leser ein Gefühl des Mitgefühls für die Frauen und/oder Ablehnung gegenüber „den“ Türken, bzw. Muslimen zurück.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass der „Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland“ (so der Untertitel von Die fremde Braut) weder authentisch noch wissenschaftlich ist. Die oben erwähnte öffentliche Wirkung von Kelek trotz dieser Defizite zeigt, dass die „Integrationsdebatte“ keineswegs so rational und wirklichkeitsorient ist, wie ihre ProtagonistInnen behaupten, sondern vielmehr, dass diese Debatte repressiv und ideologisch gegen Nicht-Deutsche gerichtet ist. Dabei werden auch für sich genommen emanzipatorische Konzepte wie der Kampf gegen Zwangsheirat funktionalisiert und Argumente daraus für die eigene politische Agenda verwendet.

Necla Kelek: Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2005, 269 Seiten.

Ismail Küpeli

Eine überarbeitete Fassung dieses Artikels erschien in der analyse&kritik (Nr. 513 vom 19.1.2007). (PDF-Version)